„MEDIENVIELFALT IST WICHTIG“

3VIERTEL hat Andreas Raabe, Chefredakteur des Stadtmagazins
Kreuzer zur Zukunft des Lokaljournalismus befragt.

Ein Interview von Christin Pomplitz

3VIERTEL: Wozu überhaupt noch Lokaljournalismus, brauchen die Menschen den noch?

Andreas Raabe: Lokaljournalismus ist grundlegend wichtig und Grundlage der demokratischen Meinungsbildung.
Hier, in der Stadt, leben die Menschen. Die Stadt ist praktisch die Basis der demokratischen Meinungsbildung. Hier fängt letztlich alles an, daher ist es wichtig die Menschen genau da zu informieren, hochwertigen Journalismus im lokalen Bereich zu machen.

3VIERTEL: Welche Probleme hat der (Lokal-) Journalismus und welchem Wandel ist er unterworfen?

Andreas Raabe: Es wird immer schwieriger, Journalismus zu finanzieren, was mit der Lage auf dem Anzeigenmarkt in Verbindung steht. Diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren extrem verschärft, das liegt ganz klar am Internet. Vor dem Internet hatte die Zeitung das Anzeigenmonopol. Jeder, der eine Anzeige schalten wollte, tat das in der (Tages)Zeitung. Jetzt gibt es das Internet, da ist der Platz unbegrenzt und der Preis für eine Anzeige liegt ein zehn- oder 20-faches unter dem, was es in der Zeitung kosten würde. Das ist praktisch die Krise des Journalismus im Allgemeinen.
Was es inhaltlich schwieriger macht, ist die Geschwindigkeit. Im Internet muss alles schneller gehen. Besonders die Konkurrenz zu anderen Medien bewirkt, dass Informationen relativ schnell in die Öffentlichkeit geworfen werden, ohne eine sorgfältige Überprüfung.
In Bezug auf Leipzig gibt es als großes Medium nur die LVZ, das ändert sich inzwischen.
Aber traditionell ist das schon immer so gewesen, was eine Grundlage dafür war, dass es den Kreuzer als Alternative heute überhaupt noch gibt. Es gab lange Zeit nichts, was noch einen anderen Blickwinkel auf die Stadt einnimmt. Beim Kreuzer steht dazu noch die Freiheit der Autoren weit vorn, da wird auch das Geld eigentlich fast unwichtig. Vielfalt in den Medien ist wichtig, und die ist bedroht.

3VIERTEL: Was braucht guter Journalismus demnach?

Andreas Raabe: Journalismus braucht professionelle Strukturen und eine Struktur, die wirtschaftlich tragfähig ist.
Im Idealfall kann das Zusammenspiel aus Berufsjournalisten und Blogger fruchtbar sein. Einer bringt den Stein beispielsweise ins Rollen und andere Journalisten, mit der Kompetenz und Zeit, das Angefangene weiterzuführen, springen darauf an. Aber richtiger Journalismus ist keine Freizeitbeschäftigung, sondern ein Beruf, ein Handwerk.
3VIERTEL: Ist die Journalistische Ausbildung ein Muss?

Andreas Raabe: Man braucht eine Ausbildung, ja. Wobei der Journalismus dennoch eine ganz klassische Quereinsteiger-Branche ist. Was ich am wichtigsten finde und auch selbst aus meinem Studium mitgenommen habe, ist das Bewusstsein der ethischen Ansprüche. Dass man sich klar darüber ist, was es bedeutet, Massenkommunikation zu betrieben, darüber, welche Rolle man selbst für die Gesellschaft spielt und was Journalismus ist, was er bedeutet. Das heißt Kritik zu üben, alles zu hinterfragen und nicht von der immer stärker werdenden Public Relations beeinflusst zu werden.

3VIERTEL: Die Klagen der Tageszeitungen über sinkende Verkaufszahlen und die Prognosen des baldigen Aussterbens der Tageszeitung nicht nicht neu. Woran liegt das? Ist diese Bewegung auch beim Kreuzer längst angekommen?

Andreas Raabe: Interessanterweise nicht. Tatsächlich ist es so, dass wir im Verkauf eine Tendenz nach oben haben. Allerdings auf einem sehr geringen Niveau, versteht sich. Für uns ist es natürlich eine schöne Entwicklung, aber ökonomisch bringt es uns nur sehr wenig.
Es gibt viele, schnelle und kostenlose Informationen einfach im Internet. Der Medienkonsum im Internet ist möglich und für viele befriedigend.
Aber das eigentliche ökonomische Problem ist wirklich der Anzeigenmarkt. Runter bekommen wir vom Copypreis einer verkauften Ausgabe – je nach Vertriebsform – höchstens 50, oft aber nur 20 Prozent.

3VIERTEL: Ist das nicht ein Teufelskreislauf?

Andreas Raabe: Ja, selbstverständlich. Die journalistischen Medien haben weniger Geld zur Verfügung durch die sinkenden Anzeigen, die im Internet billiger und unbegrenzt sind. Die Verlage wollen sparen, dadurch wird das journalistische Angebot schlechter. Es wird weniger gekauft und die Anzeigen rentieren sich noch weniger. Das ist ein sich selbst beschleunigender Kreislauf.

3VIERTEL: Warum wurde überhaupt angefangen, so viele Informationen kostenlos im Internet zur Verfügung zu stellen?

Andreas Raabe: Meiner Ansicht nach war das eine klassische strategische Fehlleistung der Medienmanager gewesen.

3VIERTEL: Ist der Leser dahingehend wieder umerziehbar, wieder für Informationen/Journalismus zu bezahlen?

Andreas Raabe: Ja, das wird auf jeden Fall kommen. Das wird sicher dauern, aber in zehn bis 20 Jahren wird es sicher wieder normal sein, für journalistische Arbeit zu bezahlen – auch im Internet. Jetzt ist das schwierig, das System funktioniert nur, wenn wirklich alle einen Beitrag verlangen. Denn sonst wird es immer die kostenlose Konkurrenz geben. Aber Seiten wie Spiegel online oder Bild.de schreiben momentan als Einzige schwarze Zahlen und werden sich sicherlich nicht durch eine Pay-Wall selbst ins Bein schießen.
Im Lokalen gibt es bereits eine Menge Experimente. Die LVZ setzt aktuell gewisse Artikel hinter eine Bezahlschranke, in der Praxis funktioniert das noch nicht so ganz. Am Ende wird jeder nach einer Möglichkeit, im Internet Geld zu verdienen, schauen müssen, denn dort sind die Leser.
3VIERTEL: Wird die Tageszeitung wirklich aussterben?

Andreas Raabe: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die gedruckte Tageszeitung überleben wird. Das wird irgendwann aufhören oder in Richtung Wochenzeitung gehen, was man jetzt auch schon in Amerika beobachten kann. Oder hin zu dem, was wir machen, eine haptische Ergänzung zu dem, was im Internet passiert. Wir glauben daran, dass ein Printprodukt wie der Kreuzer überlebensfähig ist, durch die Blickwinkel, die wir geben wollen, die es im Internet nicht gibt, und durch langsameren Journalismus.

Die langsameren Printprodukte werden nicht aussterben. Es ist ein Bedürfnis der Menschen, zu einem späteren Zeitpunkt die kurze und schnelle Info aus dem Internet dadurch zu ergänzen, Details und Hintergründe in Ruhe auf Papier nachzulesen.

3VIERTEL: Nimmt durch die zunehmende Schnelligkeit der Gesellschaft und das Internet die Qualität des Journalismus ab?

Andreas Raabe: Durch die Schnelligkeit besteht natürlich die größere Gefahr, Informationen ungenügend hinterfragt rauszugeben und damit auch der Falschmeldungen zu veröffentlichen und durch PR-Agenturen beeinflusst zu werden. Mittlerweile ist das fast eine Art Zwang, aus dem man sich eigentlich bewusst rausnehmen müsste. Dazu kommt noch, dass die Redaktionen extrem eingedampft werden und je weniger Leute in den Redaktionen sitzen und je weniger die Gate-Keeper-Funktion übernehmen, desto weniger prüfen sie und desto mehr lassen sie durch. Die Tendenz liegt dabei eher bei mehr, also dass mehr Informationen ungeprüft in die Welt geraten.
Aber dass die Qualität grundsätzlich abnimmt, würde ich auch nicht sagen. Journalismus ist und bleibt ein Handwerk. Letzlich ändert sich durch die Verbreitungsform nicht viel daran. Es ist schwerer geworden, guten Journalismus zu finanzieren, zumindest aktuell plus-minus zehn Jahre.

3VIERTEL: Wird sich diese Lage künftig verbessern?

Andreas Raabe: Die Möglichkeiten dafür sind auf jeden Fall da! Das Internet bietet ganz andere Möglichkeiten der Verwaltung von guten Geschichten, die man früher nicht hatte. Das hängt alles immer wieder mit Geld zusammen. Wenn man alles vernünftig refinanzieren könnte, dann wären die Möglichkeiten im Internet ganz toll. Die Verbreitung wäre bei weitem günstiger, viel umfangreicheres Arbeiten und eine größere Reichweite wären möglich. Die Möglichkeiten im Internet sind für Journalisten eigentlich sehr gut. Aber damit sind wir wieder am Beginn.
Wie kann das nötige Geld generiert werden, um sicherzustellen, dass professionell gearbeitet wird und ausreichend Zeit vorhanden ist. Das ist zurzeit einfach noch nicht gegeben.

In Frankreich gibt es da schon ganz erfolgreiche Projekte. Zum Beispiel das investigative Online-Magazin mediapart.fr. Dort wird per Online-Abo hochwertiger Journalismus ermöglicht und von den Lesern ganz klassisch durch ein Abonnement finanziert. Zudem versucht die Firma hinter Mediapart gerade, alles auf Gemeinnützigkeit umzustellen. Die Anerkennung von Gemeinnützigkeit für Recherchejournalismus könnte ein Baustein für die zukünftige Finanzierung dieses wichtigen Teils der Kontrolle von Demokratie werden...
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