I LIKE FUSSBALLTOD

Struktureller Antisemitismus in der Kritik an RB Leipzig.

Von Oscar Adlerhut

Apropos Abschied: Leipzig bringt Deutschland den Fußballtod. Glaubt man den Bannern in nahezu allen Fankurven der Weltmeisterrepublik, dann stirbt in Leipzig der Fußball, so wie ihn sich viele zurechtträumen. Die Reinheit seines Blutes wird von bösen Konzernmächten bedroht und verunreinigt die Kultur der Tradition. Und das besonders oder eben gerade in Leipzig, dort, wo die Brausefußballer am Ufer der Elster sich anschicken, ganz Fußballdeutschland in einer Flutwelle schlechter Limonade zu ersaufen.
Aber bitte mal genauer hingeschaut. Das Arschloch im Wandschrank wurde gefunden. Tür auf und feste draufgehauen – ganz nach Bedarf. Und der Bedarf ist gegenwärtig hoch!

Wenn statt von den pestbringenden Ratten aus Leipzig die Rede ist, wenn die Reinheit der Tradition besudelt wird, wenn die homogene Wir-Gruppe der Chauvinisten der guten alten Zeiten sich im Hass auf den Feind, der in ihr phantasiertes Machtgebiet einfällt, vereinen und zum Endkampf aufrufen, dann kommen im Zuge einer vermeintlichen Kritik an RB Leipzig, wenn auch teils dem Unwissen geschuldet, unverhohlen strukturell antisemitische Klischees aufs Tapet, die offensiver nicht sein könnten. Die Ideologie des strukturellen Antisemitismus richtet sich nicht, wie in der „klassischen“ Form der Fall, gegen Juden. Die Begrifflichkeiten und Argumentationsstruktur sind allerdings die selben.

Das nun hier Folgende gilt nicht für alle, aber für viele. Und deswegen wird es auch nur wenigen gefallen.

Pathische Projektion und pseudoreligiöser Charakter

Anhand des Textes „Elemente des Antisemitismus“ von Adorno und Horkheimer wird in der Folge nachskizziert werden, warum das Auflehnen gegen einen Vertreter eines ganzen Zeitgeistes und die Projektion aller Ängste und Hoffnungen auf diesen ein falsches Bewusstsein zeitigt.

Gleich zu Beginn des Aufsatzes liest man, dass Geld und Geist das verleugnete Wunschbild der durch Herrschaft Verstümmelten sind, deren die Herrschaft sich zu ihrer eigenen Verewigung bedient. Der Kaufmann zeigt den Arbeitern, was sie sich nicht leisten können. Das Missverhältnis bekommen sie erst im Nachhinein mit und ärgern sich ob ihres Unvermögens, das zu erkennen. Für dieses Unvermögen müssen nun aber andere ihren Kopf hinhalten, nicht der Fabrikant. „Die bloße Existenz des anderen ist das Ärgernis.“ Liest man die Kritik an RB Leipzig so, dann zeigt sich etwas Wesentliches. Der Verein, denn ein solcher ist RB Leipzig, steht stellvertretend für einen Sport, der sich als Vermarktungsmaschine zeigt und damit das Selbstverständnis seiner Anhänger bedroht. Dass diese sich nicht in der Vehemenz gegen ihre Autorität wenden wollen, ist klar. Ein Schuldiger muss her. Das, was man sich selbst verboten hat, wird auf den anderen projiziert und in der Vernichtung dessen, was beschämt wiederholt. Der nur allzu verständliche Wunsch selbst die ersehnten Erfolge der eigenen Mannschaft zu feiern wird verdrängt. Dieser gewünschte Erfolg wird nun beim anderen verteufelt, weil dieser bei einem selbst keinen Platz finden darf.

Das Zauberwort heißt bei Adorno und Horkheimer „falsche Projektion“. Diese macht sich die Umwelt ähnlich und wendet alles Eigene auf ein Äußeres, so dass das, was diesem widerspricht, als Feind angesehen werden kann. Ein Wahnsystem wird zur vernünftigen Norm in der Welt und der Mordlustige sieht im Opfer den Verfolger, den er in vermeintlicher Notwehr attackiert.

In Gesellschaft bedarf der Einzelne allerdings einer steigenden Kontrolle der Projektion, indem er diese verfeinern und hemmen lernt, um Distanzierung und Identifikation, Selbstbewusstsein und Gewissen bilden zu können. Das gelingt nur durch Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremdem und dem Erkennen und Anerkennen des Unterschiedes von Innen und Außen. Im Antisemitismus fällt diese Reflexion im projektiven Verhalten aus, so Adorno und Horkheimer. Indem es nicht mehr den Gegenstand reflektiert, reflektiert es nicht mehr auf sich und verliert die Fähigkeit zur Differenz. Die Wut auf die Differenz, auf das Andere, Verschiedene wird durch die Fixierung auf eine Minderheit, die als sozial bedrohlich empfunden wird, abgeführt. Statt das „Protokoll der eigenen Machtgier aufzunehmen werden die Protokolle der Weisen von Zion geschrieben“ und den Anderen zugeschrieben – die Verschwörung hat da bereits praktische Form angenommen. Die Außenwelt wird mit dem befrachtet, was im Paranoiker selber ist. Das zwanghaft projizierende Selbst kann nichts projizieren, als sein eigenes Unglück, von dessen ihm innewohnenden Grund es selbst abgeschlossen ist.

Die Ideen, die in der Realität keinen festen Halt finden, werden zu fixen. Damit schafft der Paranoiker alle nach seinem Bilde und entwickelt seine Allmachtsphantasien, die eigentlich seiner Ohnmacht entspringen und als eigentliche Notwehr gegen sich selbst verstanden werden müssen.

Durch diese pathische Projektion kommt es zur Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf ein Objekt, hier der verhasste Verein, dort die Gruppe von Individuen, die vernichtet werden sollen. Das Böse ist immer das Andere, obwohl die Regung vom Subjekt selbst kommt und auf das Außen übertragen wird. Dadurch wird versucht, die Regung abzumildern und die Triebenergie abzubauen. Der Zerstörungsdrang entsteht hier erst durch Verdrängung und Wiederholung der Verdrängung. Der paranoische Wahn falscher Projektion projiziert alles nach außen, was ihm eigentlich eigen ist. Die Lust selbst mächtig zu sein und deren Versagung wirft er dann denen vor, die mächtig sind, und will diese vernichtet sehen.

Und so kann in der Pseudoreligion Fußball im Rausch vereinter Ekstase der paranoische Mechanismus beherrscht werden. Der pseudoreligiöse Charakter fungiert hier als Art der Selbsterhaltung. Die Mitglieder wollen ihre Wahnideen allein nicht glauben. Er fungiert als Sammelbecken, in dem die eigene Paranoia durch die kollektiven Formen des Wahns abgelöst werden kann. Dort können andere verfolgt werden, denen man die eigene Misere vorhalten. Die Schuld an ihrem eigenen Schrecken projizieren sie auf die, die greifbarer sind als die anonyme Gewalt, der sie unwissend damit dienen, dass sie das richtige Unbehagen auf die Falschen projizieren.
Mit diesem Mechanismus kann Herrschaft sich verewigen, die nur solange bestehen, wie die Beherrschten das Ersehnte als das Verhasste ansehen – Differenz und Selbstregierung. Für Horkheimer und Adorno bestehen diese Züge im Glück ohne Macht, Lohn ohne Arbeit, Heimat ohne Grenzstein, Religion ohne Mythos. „Trotz und wegen der offenbaren Schlechtigkeit der Herrschaft ist diese so übermächtig geworden, dass jeder Einzelne in seiner Ohnmacht sein Schicksal nur durch blinde
Fügsamkeit beschwören kann.“

Und was heißt das jetzt? Man darf RB Leipzig kritisieren, man muss das, was dort passiert, nicht als absolut gut, ebenso wenig als absolut böse ansehen. Wenn allerdings ein Verein, der bestehende Möglichkeiten nutzt, zum absolut Bösen stilisiert wird und nicht die Bedingungen dieser Möglichkeiten analysiert und kritisiert werden, dann zeigt sich die Paranoia, ganz im Sinne Adornos und Horkheimers, als Symptom der Halbgebildeten, die ihr beschränktes Wissen als Wahrheit hypostasieren. Eine solche „Kritik“ lenkt von den eigentlichen Mechanismen repressiver Gewalt ab und verewigt dessen Status quo. Peter Neururer (Trainer vom Vfl Bochum) hat das im übrigen erkannt und auch öffentlich geäußert. Die deutschen Leitmedien, die fleißig am Mythos RB mitarbeiten, scheinen diese Erkenntnis ihrerseits offensiv zu verdrängen, in dem sie das Gut-Böse-Schema fortscheiben. Der FIFA, der UEFA, der DFL oder dem DFB wird es recht sein.
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