Blick in die Glaskugel

Bild: Leipzig School of Media

Die Zukunft des (hyper-)lokalen Journalismus.

Von Michael Geffken

Gefragt nach der Zukunft des (hyper-)lokalen Journalismus kann meine Antwort nur lauten: „Die kennt niemand – auch ich nicht.“ Aber ich will mich nicht drücken und zwei weitergehende Fragen aufwerfen: Was genau hat sich eigentlich in den vergangenen – sagen wir 15 – Jahren verändert, wenn wir vom Lokaljournalismus sprechen? Und: Welche Prämissen, die heute die Diskussion prägen, müssen hinterfragt werden?

Zur Beantwortung der ersten Frage müssen einige Grundlinien der Medienentwicklung skizziert werden:
Seit Anfang dieses Jahrhunderts werden ausnahmslos alle journalistischen Informationen digitalisiert; man kann sie also ohne größeren Aufwand jenseits von Print über beliebige andere Kanäle verteilen.

Mobile Endgeräte aller Art – bis hin zu Wearables wie der iWatch oder der Google-Brille – ermöglichen, dass zielgerichtete Kommunikation von Individuen untereinander bzw. mit Organisationen und Unternehmen jederzeit und an allen Orten möglich ist.
Durch das Cloud Computing werden Smartphones, Tablets oder Datenbrillen zu Supercomputern, mit denen der Nutzer orts- und zeitunabhängig nicht nur Informationen abrufen kann, sondern auch Dinge wie Preisvergleiche oder den Einkauf von Eintrittskarten erledigen kann.

Diese Entwicklungen hatten bzw. haben für die klassischen Lokal- und Regionalzeitungen zweierlei Folgen. Erstens: Für Menschen unter 35 ist dieser Zeitungstyp – ob als gedruckte Zeitung oder als Zeitungswebsite – irrelevant geworden. Diese Altersgrenze schiebt sich mit den Alterskohorten nach oben. Reichweite und Leseintensität nehmen in allen Altersgruppen ab.
Zweitens: Die Werbeeinahmen der Verlage sinken dramatisch. Die Rubrikenanzeigen (Auto, Jobs, Wohnungen) haben sich fast völlig aus der Zeitung verabschiedet, ebenso die Markenartikelanzeigen. Auch lokaler Handel, Handwerker und Dienstleister wandern zunehmend ins Internet ab. Resultat: Sparmaßnahmen in vielen Verlagen mit bösen Folgen für die redaktionelle Qualität – mitsamt weiteren Leser-Verlusten.

Die zweite Frage – Welche Prämissen müssen hinterfragt werden? – führt in einer strukturkonservativen Branche wie der Medienbranche naturgemäß zu heftigen Scharmützeln zwischen den beiden beteiligten Lagern: Die Früher-war-alles-besser-Fraktion kämpft gegen die Digital-Fraktion.

Für die Früher-war-alles-besser-Fraktion ist klar: Jüngere Mediennutzer bedienen sich heutzutage nur noch zufällig statt regelmäßig professioneller journalistischer Nachrichtenquellen, um sich über das lokale Umfeld zu informieren. Wer ist schuld? Das Internet. Befürchtete Folge: Politische Ignoranz und gesellschaftliches Desinteresse breiten sich aus, Nutzer können nicht mehr zwischen professionell-journalistischen und nichtprofessionellen Medienangeboten unterscheiden.

Die Digital-Fraktion setzt auf das Prinzip Hoffnung: Für den Fall, dass es keine Lokalzeitungen mehr geben sollte, glaubt man an eine Art Selbstregulierung der öffentlichen Kommunikation. Die Prognose: Wenn es eine (lokale) Information gibt, die wichtig ist, so wird diese den Nutzer schon finden – via Social Media, via hyperlokale Blogs, Schwarmintelligenz eben…

Beide Fraktionen können ihre Behauptungen nicht sonderlich gut belegen. Umfassende Untersuchungen zu diesen Themenfeldern gibt es nicht, die einschlägigen Studien sind oft von den Interessen der jeweiligen Auftraggeber geleitet und führen in der Regel zu ebenso banalen wie allgemeinen Ergebnissen: „Junge Leute lesen weiterhin gerne Zeitschriften.“ Oder: „Die Politikverdrossenheit wächst.“

Man weiß schlicht nicht, was Nutzer im Angesicht einer dramatisch sich verändernden (Medien-)Welt wollen – und wahrscheinlich kann man es in einer so dynamischen Situation auch gar nicht wissen. Wir beobachten im Augenblick ein großangelegtes gesellschaftliches Experiment. Die Fragen lauten: Wie werden sich Menschen in der Zukunft darüber informieren, was in ihrem lokalen Umfeld geschieht? Und: Wer liefert diesen Menschen den Input und die Plattformen für die im lokalen Umfeld nötigen Diskussionen und Diskurse?

Sicher ist, dass die Lokal-Berichterstattung der professionellen Medien in den letzten Jahren begonnen hat, sich aus der Fläche zurückzuziehen; die weißen Flecken auf der journalistischen Landkarte werden größer. Lokalredaktionen werden geschlossen, die Stadtteilberichterstattung minimiert, manche Zeitungen verschwinden ganz.

In diese Lücke sind in den vergangenen Jahren Initiativen und Projekte gestoßen, die neue Formen und Formate des Lokaljournalismus entwickelt haben. In Leipzig sind das z. B. neben der fast schon klassischen Stadt(teil)Zeitung 3VIERTEL mit ihrer leider nicht sehr aufregenden Website – die Leipziger Internet Zeitung (www.l-iz.de) oder das Weltnest-Blog (www.weltnest.de).

Die Leipziger Internet Zeitung versucht, die klassische Lokalzeitung – samt aller Inhalte inklusive Kultur und Sport – ins Netz zu transferieren und somit eine Alternative zum Monopol der Leipziger Volkszeitung zu bieten. Weltnest hat keinen umfassenden Informationsanspruch, ist eher Diskussionsplattform für ausgewählte Themen und Zielgruppen.

Alle drei Projekte sind – auf sehr unterschiedliche Weise – gut gemacht. Sind sie aber schon ein Beleg dafür, dass sich in Leipzig eine in der Zusammenschau befriedigende Alternative zur Leipziger Volkszeitung entwickelt hat – oder gar ein Ersatz? Ich glaube das (noch) nicht. Dafür sind die redaktionellen Ressourcen der Projekte zu gering, ist die Finanzierung zu prekär, sind die Zielgruppen zu speziell.

Diese Einschätzung verweist auf ein Problem, das auch die klassischen Medien haben (s.o.): Guter Journalismus kann in digitalen Zeiten nur noch zu einem geringen Teil durch Werbeeinnahmen finanziert werden. Nutzer müssen also bereit sein, für guten Journalismus zu bezahlen.

Hat der (hyper-)lokale Journalismus also eine Zukunft?

Ja, wenn er es uns – den Nutzern, Stadtteilbewohnern, Bürgern – wert ist.

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