Das Ende

Bild: Ildiko Sebestyen Photographie

Vom Ende. Von Cesare Stercken

Wir schreiben das Jahr 2014. In Leipzig wird es ab sofort ein Printmedium weniger geben. 3VIERTEL beendet hiermit seine Publikationstätigkeit und beendet damit auch ein Projekt des kostenlosen Journalismus in Leipzig.

Wir haben 50 Ausgaben in monatlicher Erscheinungsweise herausgegeben, dem Leser ein wertvolles jedoch kostenloses Produkt angeboten, welches über Anzeigen die Gelder für den Druck, die Verteilung, und die Redaktionskosten erwirtschaftet hat. Damit haben wir mehr erreicht als vielleicht zu erwarten war, doch stoßen wir nunmehr seit einiger Zeit an unsere Grenzen, denn der Rahmen für den Journalismus, den wir uns wünschen zu produzieren, setzt mehr gute Journalisten voraus, die wir auch angemessen finanzieren wollen. Damit kommen wir zum Kernthema: Geld. Der flüchtige Wechselstoff, vor geraumer Zeit erfunden, um Investitionen zu ermöglichen, ist der Stoff, der in dem Kreislauf unserer Wertschöpfungskette leider fehlt. Der Anzeigenmarkt ist Vergangenheit und kein Finanzierungsgarant für Journalismus.

Seit geraumer Zeit finden wir, 3VIERTEL, die Leipziger Internetzeitung und das Weltnest, zusammen, um über die Zukunft der Leipziger Medienlandschaft abseits der einzigen Tageszeitung zu beraten. Gefunden wurden viele Fragen, manche Antworten und einige Anregungen zum Handeln. Seit einiger Zeit haben wir angefangen zu handeln. 3VIERTEL veröffentlicht Artikel auf der Leipziger Internetzeitung, die Leipziger Internetzeitung im Gegenzug bei 3VIERTEL, wir haben auch schon Anzeigen- und Werbegelder gemeinsam eingespielt und untereinander verteilt, alles auf der Basis eines gewachsenen Vertrauens und eines gemeinsamen Verständnisses dafür, dass wir nur gemeinsam vorankommen können.

Wenn in Leipzig viele kleinere engagierte Projekte nebeneinander und unabhängig voneinander sich von der großen Tageszeitung an die Wand fahren lassen, dann ist das zwar ein idealistischer Grabenkampf, aber keine wirkliche Alternative einer Zukunft für Journalisten in Leipzig.

Nun sind wir in unseren gemeinsamen Gesprächen an dem Punkt, dass wir Wege suchen, unsere Visionen umsetzen zu können. 3VIERTEL wird zunächst seine Printpublikationstätigkeit einstellen, um an der Entwicklung einer Wochenzeitung zu arbeiten. Denn die eine Notwendigkeit, ein Finanzierungsmodell auf die Beine zu stellen, geht Hand in Hand damit, eine schlagkräftige Truppe zusammenzutrommeln, die sich dem Scheinriesen LVZ stellen mag.

Die neue Wochenzeitung

Wir wollen eine Wochenzeitung für Leipzig, eine echte Alternative, sich zu informieren, und damit den lokalen Dialog der Menschen zu lokalen Themen fördern. Die LEIPZIGER ZEITUNG soll eine unabhängige, vom Leser finanzierte Wochenzeitung sein, die abonniert werden kann. Die LEIPZIGER ZEITUNG braucht dafür 12.000 Leser, die uns abonnieren und damit eine Bürgerbewegung hin zu bezahlbarem Journalismus ins Leben rufen. Werden Sie aktiv und unterstützen Sie die Medienvielfalt in Leipzig.

www.leipzigerzeitung.net

Um Ihnen unsere gemeinsame Arbeit etwas transparenter zu machen, präsentieren wir den internen Dialog nun einmal öffentlich:

Warum arbeiten wir (Leipziger Internetzeitung, Weltnest und 3VIERTEL) zusammen?

Nils Schmidt (Weltnest): Alle drei Medien werden von Menschen aus Leipzig gemacht, die ein echtes Interesse an der Stadt haben. Alle drei Medien wurden von engagierten Bürgern gegründet und stehen für die Fortschreibung einer Leipziger Tradition, sich selbst in das Stadtgeschehen einzumischen. Und vor allem: die Leipziger Internetzeitung ist eine weit verbreitete Online-Zeitung und eine der wichtigsten Quellen in dieser Stadt, 3VIERTEL ein mit Sorgfalt und guter Schreibe erstelltes Printprodukt und Weltnest ein meinungsbetonter Blog, der Debatten anstoßen und unterhalten will. Die drei Medienangebote sind für Leser komplementär und tun etwas für die Medienvielfalt in dieser Stadt - darum macht eine Zusammenarbeit Sinn.

Moritz Arand (3VIERTEL): In Leipzig herrscht offenkundig ein Ungleichgewicht in der Machtverteilung des Medienangebots. Die einzige Tageszeitung ist am Ende, selbst die Bild Leipzig ist in vielen Belangen besser. Und doch gibt es in dieser Stadt viele Alternativen, die nur wenig berücksichtigt werden, schon allein deswegen, weil diese Alternativen keine oder nur sehr geringe wirtschaftliche Potenz mitbringen, die auf dem Markt benötigt wird. Aus diesem Grund müssen sich Formate jenseits der Leitmedien zusammenschließen, um in der Bündelung von Kompetenzen, Erfahrungen und Ideen mächtig zu werden - soll heißen, einen relevanten Gegenpol zur Medienöffentlichkeit darzustellen.

Robert Dobschütz (Leipziger Internetzeitung): Wir alle leben in einer Stadt, wir alle wollen verschiedene Arten von Journalismus ausprobieren und dies in allen Spielarten. Egal ob Video, Audio, Netzradio, gedruckte Zeitung oder der Alltag eines Bild- und Textbeitrages im Netz. Und wir alle stehen über alle Medienarten hinweg der gleichen noch unbeantworteten Frage gegenüber: Wie ist journalistische Arbeit auch zukünftig bezahlbar?

Konkurrenz zwischen den Genannten und auch nicht Genannten besteht dabei nur auf dem Gebiet der (Geschäfts)Ideen in einer gleichlautenden Umgebung namens Leipzig. Was es sinnvoll macht, diese intern zu teilen, voranzutreiben und so manchen Schritt gleich gemeinsam zu gehen. Die Lösung besteht dabei darin, das Teilen von Ideen mit dem Teilen von erzielten ideellen und finanziellen Ergebnissen zu verbinden. Hier endet die Konkurrenz und wird durch Vertrauen und gemeinsames Handeln ersetzt.

Die Begründungen dazu sind einfach: Will man die Komplexität einer Stadt wirklich abbilden, ist die Summe immer mehr als nur das Ergebnis ihrer Teile. Das Verstehen setzt immer genau dann ein, wenn die Pros und Contras eines Themas zu Tage gefördert wurden und das Resultat in Beziehung zu seiner Umgebung, wie wirtschaftliche Entwicklung, Politik und Gesellschaft gesetzt wurde.
Ein weiterer Grund ist das Verhalten von scheinbaren Monopolisten, welche bei den Innovationen zwar langsam sind, jedoch vor allem eines besitzen: die finanziellen Mittel, die neuen Ideen einer Stadt aufzusaugen und als ihre eigenen zu präsentieren. Es geht also auch um den Schutz eigener Ideen.

Cesare Stercken (3VIERTREL): Mit vereinten Kräften und frei von Konkurrenzgehabe sehen wir im gemeinsamen Handeln die Chance, in Leipzig etwas zu bewegen. Und statt verschiedene Projekte nebeneinander im Nischendasein vertrocknen zu lassen, wollen wir die große Gießkanne holen, den Samen zu sähen, eine neue Medienlandschaft in Leipzig zu begründen. Ja, wir sind in gewisser Weise auch alle etwas wahnsinnig, aber wer Großes erreichen will, sollte nicht klein anfangen zu denken.

Was wollen wir mit unserer Zusammenarbeit erreichen?

Nils Schmidt (Weltnest): Wir wollen unsere Kompetenzen in den Bereichen Redaktion, Lesermanagement, Print, Social Media und Marketing bündeln, gemeinsame Projekte angehen und Leipziger Themen aus mehr Perspektiven recherchieren und beschreiben. Dabei werden wir unser eigenes Profil behalten und den Stil und die Inhalte bieten, für die uns unsere Leser schätzen. Journalismus als lokalgesellschaftlicher Faktor ist für uns zudem unerlässlich für die demokratische Willensbildung in Leipzig und wir wollen diese durch unsere Kooperation fördern, wo wir nur können. Alle drei Medien haben außerdem auch Werbepartner, die von der Zusammenarbeit und steigender Reichweite profitieren werden.

Moritz Arand (3VIERTEL): Wir wollen eine Stellung in Leipzig einnehmen, die der Übermacht der Monopolisten die Allmachtsphantasien streitig macht, und damit aktiv in städtische Prozesse aufklärend eingreifen. Aber: Wer führen will, muss sich zuallererst selber führen können. Deswegen wird es wichtig sein, genau zu reflektieren, wo Chancen und Grenzen der vielen Anliegen zu finden sind, was Journalismus heißt, wie die Leipziger Journalismuslandschaft zu dem werden konnte, was sie heute ist. In diesem Sinne sind wir das Glied einer langen Kette, deren Glieder nur lösen kann, wer erkannt hat, wo sie geschmiedet wurden.

Robert Dobschütz (Leipziger Internetzeitung): Es geht um die Bezahlung einer handwerklichen Arbeit, welche sich simpel tituliert Lokaljournalismus nennt. Dieser hat drei Eigenschaften: er ist „dreckig, teuer und transparent“.

All dies gilt es zu erhalten und gemeinsam auch mit den Leipzigern auszubauen. Es muss also das Ziel bleiben, auch Informationen, welche entweder übersehen werden oder in anderen lokalen Medien sogar bewusst nicht stattfinden, weiteren Raum zu verschaffen, eine Bühne zu bieten, wo sie gehört werden können.

Cesare Stercken (3VIERTEL): Das Ziel, eine Wochenzeitung in Leipzig zu etablieren, setzt die nötigen Kräfte dafür voraus, diese setzen wir maximal gemeinsam frei. Wir werden sicherlich nicht überall mit dieser Idee mit offenen Armen empfangen. Als Einzelne haben wir gemeinsam den Stein ins Rollen gebracht, nun sollten wir gemeinsam aufpassen, dass wir damit auch die gewünschten Ziele erreichen.

Warum braucht es in Leipzig eine Wochenzeitung?

Nils Schmidt (Weltnest): Das Leseverhalten von Menschen verändert sich, viele haben immer weniger Zeit für die Tageszeitung und bestellen ihre Abos ab. Gleichzeitig wird diese immer inaktueller, da reine Nachrichten heutzutage online einfach besser funktionieren. Viele Leser verlangen dennoch nach mehr Qualität, Einordnung lokaler Themen und Relevanz für ihren Alltag. All das kann eine Wochenzeitung wunderbar leisten, außerdem ist sie ein Stück Lesegenuss in unserer schnelllebigen Zeit. Sie kann sich auf wichtige Themen fokussieren, wo eine Tageszeitung alles abdecken will. In anderen Städten wie Dresden wird dieses Thema bereits in der Praxis von Verlagen realisiert. Leipzig steht hier mit seinem monopolistischen Medienmarkt aktuell leider noch hinten an.

Moritz Arand (3VIERTEL): Eine gedruckte Wochenzeitung ist wichtig, weil diese die Ereignisse komprimiert und verdichtet und als beruhigter Kommentar dem Trommelfeuer der digitalen Informationsflut kurierend zur Seite stellt, den jeder zunehmend nötig hat.

Robert Dobschütz (Leipziger Internetzeitung): Jede Stadt schreibt ihre eigene Chronik und viele werden darin vergessen. Mal, weil eine Obrigkeit einige ausspart, oder der Markt wie derzeit quasi monopolisiert ist. Dann fallen folglich in der Rückschau wichtige Zeitbewegungen unter den Tisch, weil zu wenige Quellen überliefert sind und auch diese immer eine Färbung, Weglassungen oder gar bewusste Verdrehungen in sich tragen. Mit einer wirklich ernsthaft betriebenen Wochenzeitung kann man dies verhindern.
Es existiert immer eine Art Meinungsmonopolisierung, wenn große Strukturen wie die der LVZ zentral und hierarchisch geleitet werden. Am Ende entscheidet dann doch der Chefredakteur, der Chef vom Dienst und im Zweifel – natürlich nie wirklich – der Anzeigenkunde oder die wichtigen „Umgebungsgeschäfte“ in solchen Strukturen über die Themensetzung.

Da man dies glauben, vermuten und annehmen, aber natürlich schon aus juristischen Gründen nicht behaupten kann, hier eine einfache Frage, welche sich bewusst auf alle darin involvierten Zeitungen im Lande bezieht: Würde eine Regionalzeitung wirklich über Dumpinglöhne, soziale Verwerfungen und Ausbeutung im Post- und Zeitungszustelldiensten berichten, wenn sie selbst einen betreibt? Was sie natürlich nicht wirklich tut, denn selbstredend ist dieser Zustelldienst juristisch eine andere Gesellschaft. Das Thema findet dennoch nicht statt.
Hinzu kommt, dass eine regional monopolisierte Zeitungslandschaft auch für die im Monopol arbeitenden Journalisten nicht sinnvoll ist. Sie werden Stück um Stück immun gegenüber Widersprüchen, müssen sozusagen einen inzestuösen Innendialog ohne öffentlichen Widerpart führen. Ein kritischer Dialog im Interesse einer klugen Lösung ist also immer nur möglich, wenn ein wenigstens gleichwertiges Gegenüber eine andere Meinung einbringt.

Cesare Stercken (3VIERTEL): Frei von dem Trieb nach Rendite, und frei in unserer Suche nach Themen, wäre die LEIPZIGER ZEITUNG eine aufklärende Schreibfeder und erfrischende Lektüre in der Leipziger Medienlandschaft.

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