Tod einer Zeitung

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es ist so weit. 3VIERTEL vollendet sich. Wie das geht? Ganz einfach: wir hören auf!

Das überrascht Sie? Das können wir verstehen. Deshalb eine kurze Skizze unserer Entscheidung, Ihnen etwas zu nehmen, was Ihnen womöglich ans Herz gewachsen ist.

3VIERTEL ist über die Jahre hinweg zu einem Medium lokaler Berichterstattung geworden, das in der Lage war, ein Vakuum zu füllen, das im Zuge der selbstverschuldeten Krise des Journalismus entstand und das die Redaktionen immer weniger im Stande waren zu füllen. Das, was die Leserschaft in ihrem Leben direkt angeht, ging mehr und mehr verloren. Diese Nische haben nicht nur wir genutzt. Dabei haben wir immer versucht, darauf zu achten, im Besonderen das Allgemeine nicht aus den Augen zu verlieren - und umgekehrt. Der Aufwand, der dabei betrieben wurde, stand zu keinem Zeitpunkt im Verhältnis zum Ertrag. Die Selbstausbeutung ist immer auch Garant für Fremdausbeutung gewesen. Wer die prekären Zustände allerdings als Produkt der
Freiheit zurechtlügt, verkauft das Scheitern als Erfolg.

Das soll natürlich nicht heißen, dass wir auf ganzer Linie versagt haben. Im Gegenteil: Die Grenzen des Formats sind erreicht. Die Grenzen der Ausbeutung längst überschritten. Wenn die Nischen zu eng werden, liegt das nicht daran, dass die Wände näher kommen, sondern daran, dass man sich des geringen Platzes, der immer schon gering war, erst jetzt bewusst wird. Es ist ein wenig wie mit den kindlichen Erinnerungen: Was uns in unserer Erinnerung so riesengroß erhalten bleibt, erweist sich im Hier als minder groß. Das ist dem einfachen Umstand geschuldet, dass wir damals kleiner waren und die Welt uns groß erschien.

Was wir hier tun, tun wir allerdings nicht aus Frust, obschon in manchen Momenten viel davon dabei war. Wir gehen diesen Schritt aus Überzeugung und vor allem, weil es die einzig richtige, zu vertretende Konsequenz ist. Wir könnten noch über Jahre hinweg das Lamento unserer Misere mantra-artig vor uns hertreiben. Die Freiheit zum Ende erleichtert und adelt die Tat.

Wer wie wir bereit ist, die richtigen Schlüsse zu ziehen, der wird einsehen, dass es nur so wird gehen können, dass dieser Verlust auch geben kann und wird. Kritik ist immer schon Teil des anderen Tuns, ist es aber noch nicht selbst. Als notwendige Bedingung der Möglichkeit des Anderen wäre sie als reiner Selbstzweck Totengräber der Zukunft. Kühnes Beginnen ist halbes Gewinnen, hat Heine dereinst gedichtet. Deshalb frisch zur Tat. Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag!
Und weil dieses Blatt immer auch Heimstelle und Spielraum für Utopien war, lassen wir es uns nicht nehmen, Ihnen den Vorschein eines neuen Noch-Nicht-Ortes aufleuchten zu lassen.

Eine neue Zeitung muss her!

Ich spreche von einer Wochenzeitung für ganz Leipzig, die am Ende vielleicht für ganz Mitteldeutschland sprechen kann. Die LEIPZIGER ZEITUNG wird mit diesem Anspruch das Medienangebot Leipzigs in wesentlichen Punkten ergänzen und bereichern. Lesen Sie dazu unbedingt die Seiten vier bis fünf. Dazu bedarf es neuer Mitspieler, die bereits im schwankenden Kahn auf hoher See sitzen und dort vorgestellt werden.

Der Kreuzer gehört allerdings nicht dazu. Dort ist man immer noch – ob versteckt ironisch wegen des eigenen Versagens oder schlichtweg aus purer Arroganz – der Meinung, ein Alleinstellungsmerkmal zu besitzen. Schade! Und doch hat uns Andreas Raabe (Chefredakteur des Kreuzers) auf Seite 11 einige Fragen beantwortet.

Nebenbei: Der Chefredakteur der einzigen Leipziger Tageszeitung stand uns für ein Interview zur Frage nach der Zukunft des lokalen Journalismus nicht zur Verfügung. Befragt nach dem Zustand der LVZ, wiegelten Angestellte der Journaille mit dem Kommentar ab, man würde sie kündigen, wenn sie alles kundgeben würden, was dort vor sich geht. Die Bild-Zeitung hat auf unsere Anfrage erst gar nicht reagiert.

Neben einem Text von Michael Geffken (Leipzig School of Media) versammelt die letzte Ausgabe ganz im Sinne des Abschieds und des Aufbruchs Diverses. Adlerhut präsentiert in gewohnter Manier strukturell- antisemitische Strukturen im Fußball. Grünbaum kommentiert die Debatte um die Sterbehilfe und fragt nach dem Begriff der Würde. Frau Wolf beschäftigt sich mit der Journalistenausbildung an der Universität Leipzig, auch Nietzsches Journalismuskritik in ihrer Zeitlosigkeit findet Platz und es gibt sogar ein Gedicht.

Was bleibt noch zu sagen? Vielleicht kommt dadurch, dass wir Ihnen etwas wegnehmen, was nicht Wenigen zur Gewohnheit geworden ist, etwas in Gang, das ein Bewusstsein dafür schafft, was Journalismus ist und wie dieser funktionieren kann. Denn eins muss unmissverständlich klar sein: Journalismus, so wie wir ihn verstehen, kostet in erster Linie Geld – unabhängig von dem Willen, will sagen dem Drang etwas in die Welt zu stellen, das durch keinen Gegenwert abgegolten werden kann. Das, was wir hier machen, ist Arbeit. Diese tun wir gern. Aber nicht um ihrer selbst willen. Deshalb müssen auch Sie sich fragen: Was sind Informationen Ihnen wert?

Wenn Sie sich jetzt enttäuscht fühlen, dann werten Sie dieses Gefühl doch bitte positiv um. Sie sind nicht mehr getäuscht! Sie sehen jetzt klarer!

Im Namen der gesamten Redaktion danken wir
unseren Leserinnen und Lesern, unseren Anzeigenkunden und wünschen uns ein baldiges Wiedersehen
im neuen Jahr!

Herzlichst
Ihr Moritz Arand...
TERMINE Weltnest

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