10 Jahre Medien im Netz, im Print, in Leipzig

Das Spiel hat gerade erst begonnen. Von Michael Freitag

Wir waren vor 10 Jahren unzufrieden und sind es noch. Unzufrieden mit dem Zustand der Medien, ganz gleich ob regional, überregional oder international. Im Print und vor allem im Netz. Doch die Gründe haben sich über die Zeit geändert. Was zur Gründung der Leipziger Internetzeitung von einst drei Leipzigern führte und heute immerhin auf 10 Journalisten anwachsen ließ, war die Sehnsucht nach nachvollziehbarem Journalismus, ortsgebunden und erfahrbar durch die Leser in der eigenen Realität. Seit zwei Jahren debattieren wir parallel zum Alltag das zweite Hauptthema wieder neu: Bezahlte Arbeit in einem Bereich, in welchem immer mehr um uns herum ohne Bezahlung arbeiten „dürfen“.

Dies funktioniert auch deshalb, weil Medien nie wirklich über Medien schreiben – die Prekarisierung ist an vielen Orten abgeschlossen, die Talsohle für manchen Kollegen längst erreicht. So teilen nun auch Journalisten das Schicksal vieler Berufe, die sich kaum oder wenig automatisieren lassen. Wie in jedem Handwerksberuf wurde die Arbeit von Journalisten vielerorts entwertet. Das Berufsbild hat längst darunter gelitten und fast scheint es so, der Journalist sei jemand, der eigentlich nichts kann. Doch betrachtet man seine Rolle in einer Demokratie, muss man sagen: Vorsicht! Oder besser: Demokratiealarm.

Der Anfang, dies zu ändern, ist mit der L-IZ und den Kooperationen längst gemacht: Im Wortsinne nachhaltig, da in einem wachsenden Archiv jederzeit prüfbar. Denn wir sind auch aktuelle Chronisten unserer Stadt. Was uns bis heute auch in den Freundschaften mit der 3VIERTEL, den jungen Kollegen vom Weltnest vor Ort und weiteren Partnern in Jena, Dresden, Rostock und Halle trägt, ist immer noch die Grundlage des nachvollziehbaren Journalismus vor Ort.

Online kehrt zurück zur gedruckten Zeitung?

Nicht nur das – auch im Netz werden wir uns erneut und stetig weiter wandeln. Hier, wie auch im Printbereich beginnt gerade erst, was man eine echte Metamorphose vom Beobachter zum kommunizierenden Begleiter der Mitmenschen nennen könnte. Denn das Netz ist dialogisch aufgebaut, eine ständige Wechselbeziehung zwischen Sender und Empfänger, zwischen Journalist und Leser. Warum sollte eine gedruckte Zeitung das nicht auch können?

Genau deshalb werden auch wir Journalisten wieder das Spielen lernen müssen, wie alle, die zukünftig zum Nachdenken oder eben Wegbegleiter ihrer Leser sein wollen. Dies beinhaltet neben Berichterstattung auch das Vorstellen von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Innovationen in der Region, ihre Unterstützung und nachhaltige, kritische Flankierung. So wie wir auch die ersten Jahre in der L-IZ begonnen haben, ist es nun an der Zeit, dies gemeinsam mit Partnern in Form einer Wochenzeitung zu versuchen.

Denn, und das ist einer der Auslöser: in den vergangenen 10 Jahren ist viel passiert, im Netz, in der Branche, in Leipzig. Und vieles hat noch nicht stattgefunden. Der Übergang zum Netzkaufmedium beginnt. Und gedruckte
Kostenloszeitungen werden ebenso verschwinden, wie die gedruckten Tageszeitungen mit ihren Abonnenten sterben und sich in Wochenperiodika wandeln werden.

Die Ausgangslagen

Jahrelang haben im ganzen Land Journalisten und vor allem Leser wider besseren Wissens geglaubt, es würde irgendwie doch gut gehen mit dem Geld verdienen in diesem Internet. Wegen der unendlichen Reichweiten würden die Wirtschaftsunternehmen sicher viel Geld zahlen, um ihre unzähligen Neukunden im Netz zu erreichen.

Um uns herum verharrten in dieser Zeit viele Journalisten in einer Art Angststarre. Die Hoffnung vieler war bis vor zwei Jahren, dass die lohnknausrigen Verleger das Problem schon lösen würden. Es galt fast als schick, sich gegeneinander zu positionieren: Verlag gegen Journalisten und umgekehrt. Und oft ging dieser Kampf zu Lasten des Lesers.

Darauf, dass es nun die Verleger lösen, warten einige noch bis heute und übersehen, dass sie die Verleger nicht mehr brauchen – wenn sie bereit sind, sich mit anderen zusammenzuschließen und sich als ein Team zu verstehen. Das haben wir bei der Leipziger Internet Zeitung erfolgreich und wenn auch wenig, so doch Geld verdienend getan und werden es nun auch im Printbereich gemeinsam mit anderen Journalisten fortsetzen.

Auf einmal steht das für immer mehr auch sichtbar auf der Agenda, was uns vor 10 Jahren vielleicht nicht grundlos in Leipzig als erster Stadt in Deutschland bewegte: die Demokratie braucht freie Medien und ebenso freie Journalisten. Das jedoch ist etwas, was private
Medienkonzerne letztlich nicht interessiert. Private Medien geben sich oft selbst wie die Unternehmen, welchen sie die Leviten lesen und die sie kontrollieren müssten. Dabei haben sie sich von unternehmerischen, journalistisch angetriebenen Häusern in Aktionärsgesellschaften transformiert, die selbst ausbeutend stickige Strukturen erhalten.

Vielleicht sind auch deshalb viele von ihnen gravierenden Irrtümern aufgesessen. Sie ersticken an ihren eigenen Hierarchien und haben sich bislang statt innovativen Ideen lieber dem Protektionismus und der Marktbereinigung durch Aufkauf oder Niederschlagung zugewandt. An die Beteiligung ihrer eigenen Journalisten als Teilhaber an anwachsenden Archivwerten und letztlich mediale Zeitchroniken haben unzählige Medienhäuser bis heute nicht einmal gedacht. Oft auch, weil nach wie vor die alten Kapitäne oder ihre übrig gebliebenen Frauen die Häuser führen und dies wie in den Zeiten der Deutschland AG versuchen. Machterhalt um der Macht wegen ist im Vorstellungsgespräch auf einen neuen Job in diesen Kreisen noch immer omnipräsent.

Die Auswirkungen

Was schon in anderen Branchen Duckmäusertum und Angepasstheit fördert, ist für die Kreativität und den freien Geist einer Handwerksgilde namens Journalisten tödlich.

Von Geschäftsführern, nicht von Unternehmern, geführte Zeitungszombies diktieren die Landschaft mit marginalen Veränderungen und fehlender Erneuerungskraft. Den Rest der Innovation, deren Ursprung nicht in Deutschland zu suchen ist, erlegen die Chefredakteure im Blattschuss, weil sie längst öfter bei der Geschäftsleitung ihrer schrumpfenden Blätter sitzen oder sich lieber in etablierten Zirkeln herumtreiben, als auf der Straße mit Menschen zu sprechen. Aber wo soll Mut herkommen, wenn die Angst vor der Entlassung die Zeilen vieler diktiert?

Nebentöne

Immer öfter kann man beobachten, dass kritische
Medien von Werbekunden gemieden werden. Sie holen ihre Käufer lieber im Zustand der maximalen Ablenkung ab. Der „Freizeituser“ kauft mehr als der kritische Leser mit dem dominierenden Wunsch nach Information. Information ist also nicht unbedingt der Freund der Werbung.

So entsteht ein mehrfach sinnloser Wettstreit zwischen den Netzriesen und Regionalmedien, bei welchem die Verlierer natürlich längst feststehen, ginge es nur um Reichweiten und Verfügbarkeit von willigen Konsumenten. Darüber hinaus zahlen Verlage, wie die Mitteldeutsche Online Medien (L-IZ) oder die
3VIERTEL und andere da Steuern, wo sie tätig sind. Vor Ort, in Leipzig, und das zu Konditionen, bei welchen jeder Google-Manager sofort gefeuert werden würde. Nicht, weil in Leipzig etwa die Intelligenz fehlte, es anders zu regeln, sondern weil es regionale Unternehmen sind, die eine Heimat und eine Basis haben. Und diese erhalten und mitgestalten wollen.

Support your local Writer

Genau da wollen wir, die L-IZ und weitere Partner und Journalisten in Leipzig nun hin. Ohne die Leser ist dies nicht zu schaffen, sie werden zukünftig immer stärker mitbestimmen, wer den Auftrag erhält, für sie Informationen zu sammeln, zu gewichten und zu beschreiben. Die Leser werden sich entscheiden müssen, was sie wollen: Dass ein Mensch seine Zeit darin investiert, einer Frage wirklich auf den Grund zu gehen oder ob es bei flotten Beschreibungen an der Oberfläche eines tiefen Sees belassen muss. Die Anfälligkeit für Journalisten sich sonst aufgrund von Zeitnot und schwankenden Einnahmen korrumpieren zu lassen oder gleich in die PR-Agentur zu wechseln, steigt immer weiter an. Die Leser werden also entscheiden können, was sie wollen.

Der Preis für diese Mitbestimmung wird in Euro gemessen, nicht mehr in unendlichen Reichweiten des Netzes und der Hoffnung darauf, dass irgendwann ein sehr wackliges Geschäftsmodell „Werbung“ ausgerechnet im Netz funktioniert, was es so in der Medienbranche noch nie gab.

Eine Refinanzierung von Journalismus durch eine einseitige Ausrichtung auf Werbeeinnahmen bringt etwas mit sich, was auch die Leser unruhig machen sollte, welche auf freie Informationslagen mit dem Anspruch auf Wahrheit, Relevanz und Glaubwürdigkeit achten. Solange die Leser nicht Teil der Refinanzierung sind, wird mindestens eine Ahnung bleiben, dass ein Artikel im Netz oder einer kostenfreien Wochenzeitung eben nicht so unabhängig ist, wie er sich gibt. Und er könnte damit richtig liegen.

Drei einfache Wahrheiten am Schluss

Um eine wirkliche Erneuerung zu erreichen, welche eine bessere Rückkehr zu etwas sehr Altem, eben dieser Mitfinanzierung durch Leser sein wird, müssen Leser wissen, was sie mit lokalem Journalismus
eigentlich unterstützen. Die erste unumstößliche Wahrheit des Journalismus ist: Jede Nachricht ist lokal. Sie hat einen Ort, an welchem sie sich ereignet, und eine Zeit, in der sie stattfindet, Wirkungen hinterlässt, Entwicklungen bedingt. Die zweite außer Diskussion stehende Wahrheit: Ohne dass sich ein möglichst vorurteilsfreier, aufnahmefähiger und nicht ganz dummer Zeitgenosse Zeit dafür nimmt, dies alles vor Ort zu dokumentieren, zu filmen, zu (be)schreiben und so für die Menschen erfahrbar zu machen, existiert keine valide Information für sehr viele Andere.

Denn die, welche zum Zeitpunkt des Ereignisses einer anderen Tätigkeit nachgingen – also wortwörtlich und für ihre Erwerbsarbeit an einem anderen Ort waren –, werden statt einer Information mit Gerüchten vorliebnehmen müssen, mit Halbwahrheiten, wie sie heute schon zu Millionen im Netz kursieren.

Die dritte Wahrheit hat ihre Wirkung in den
Medien längst entfaltet: Die Zeit fehlt. Die Wirkungen sind unübersehbar. Gleiche Meldungen Tag um Tag in allen Medien, die Dominanz der Presseagenturen wie dpa und Reuters, in welche sich viele Ex-Journalisten flüchteten, wächst. Viele Medien sind längst selbst durch starke Lobbygruppen lenkbar geworden und
fallen Tag für Tag zum Beispiel auf die immer gleichen Ökonomen, Experten und Studienmacher herein. Dies geschieht auch den besten Journalisten, wenn sie eben für Nachfragen oder gar eine Umgebungsrecherche keine Zeit mehr haben.

Die Leser merken genau das und sie haben Recht, wenn sie sich über ähnliche Wortlaute in vielen Netzzeitungen wundern. Oder gar konstatieren: Gewisse Meinungen und Perspektiven, welche oft auch etwas mit der Sozialisation, einer von Stadt zu Stadt unterschiedlichen Gesellschaft und regionalen Einflüssen bedingt sind, finden medial überhaupt nicht statt.
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