Kassensturz im Klassenzimmer

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Für wen bildet Sachsen eigentlich Lehrer aus? Von Marko Hofmann

Er hat sich wirklich Zeit genommen. Ein Händedruck, ein Blick in das Abschlusszeugnis, die obligatorische Frage: „Haben Sie schon eine Stelle gefunden?“, ein paar warme Worte, der Antwort des Gesprächsteilnehmers entsprechend. So schreitet Jürgen Günter eine Stunde lang insgesamt acht Reihen ab. Acht Reihen á 15 Referendare, die an diesem Montag vom Leiter des Referats für Lehrerausbildung der Sächsischen Bildungsagentur Leipzig ihr Zeugnis überreicht bekommen. Diese Zeugnisausgabe in der modernen Aula des Rudolf-Hildebrandt-Gymnasiums in Markkleeberg markiert für alle den Endpunkt einer langen Reise, aber als Lehrer in Sachsen werden in diesem Sommer die wenigsten angekommen sein, denn das Bundesland hat mal wieder viel zu viele Referendare ausgebildet, als es tatsächlich einstellen wird – obwohl die Schulleiter gern ein paar mehr Lehrer an ihren Schulen wüssten.

„Werden Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst und handeln sie!“ Keine dreißig Minuten zuvor hatte der als ausgeglichen bekannte Jürgen Günter noch klare Worte Richtung Politik gefunden und dabei auch das berühmte John F. Kennedy-Zitat „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung“ bemüht. Nach der Zeugnisausgabe tut es ihm ein Referendar in der Abschlussrede gleich. Im Jahr der Landtagswahl fragt er seine Mitstreiter: „Ist es unser Schicksal, diese Bildungspolitik so hinzunehmen?“ Natürlich antwortet niemand. Aber von welcher Bildungspolitik ist hier die Rede? Im Verlauf der Ansprache gehen Hände nach oben. „Wer von euch hat im kommenden Schuljahr eine Stelle an einer Schulform, für die er nicht ausgebildet wurde?“, ruft der Mann am Pult quer durch die Aula. 25 Hände sind zu sehen. „Und wer von euch weiß jetzt schon, dass er den Freistaat verlassen wird, weil er woanders eine Stelle bekommen hat?“ Zehn Hände. Er fragt nicht danach, wie viele Bewerber an freien Schulen untergekommen sind. Beim anschließenden Sektempfang berichten einige von ihrer Stelle fernab des Staatsdiensts. Zuvor hatte der Redner noch gepoltert: „Mich stört, dass sich andere Bundesländer mehr um uns bemühen als Sachsen.“

Von 400 Bewerbern für die Schulform Gymnasium im Bereich der Sächsischen Bildungsagentur, Regionalstelle Leipzig, also für die Stadt Leipzig, für den Landkreis Leipzig und Nordsachsen haben am vorläufigen Ende des Einstellungsverfahrens am 18. Juli 2014 nur 27 Bewerber ein Stellenangebot erhalten. 17 von ihnen sogar nur für eine befristete Stelle. Nach LIZ-Informationen hatten die gymnasialen Schulleiter im Direktionsgebiet einen Bedarf von 160 Stellen gemeldet, den sie keinesfalls erfüllt bekommen.
Ein Unterschied, der sich zunächst nicht erklären lässt, auch nicht durch den Ablauf des Einstellungsverfahrens, wie ihn Roman Schulz, Pressesprecher der Sächsischen Bildungsagentur, Regionalstelle Leipzig, darlegt. „Den Auftakt bilden praktisch immer die Anmeldungen an den Schulen im März eines Kalenderjahres. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ab April/Mai die Eckwerte relativ klar sind. Jedoch kommt es de facto bis zum Ferienbeginn immer noch zu gewissen Veränderungen (Beschluss der Klassenkonferenzen zum Beispiel zu Nichtversetzungen/ Jahrgangswiederholungen, Kinder, die noch die Schulart wechseln, Kinder, die an Schulen in freier Trägerschaft oder von diesen zurück wechseln …), die auf die Klassenbildung und somit auch auf den Personaleinsatz Auswirkung haben. Personell müssen wir auch noch zu den möglichen Einstellungen die Lehrkräfte berücksichtigen, die zum Beispiel aus Erziehungsurlaub, Langzeiterkrankung, Reha, Beurlaubung et cetera zurückkehren. Ergänzt wird die Personalbasis durch eventuell bestehende Wünsche der Beschäftigten nach einem Schulwechsel durch Versetzung oder Abordnung mit dem vollen Arbeitsvermögen oder auch nur teilweise. In diesem skizzierten Gesamtkontext bewegt sich die Schuljahresvorbereitung.“ Doch wie Schulz sagt, ist im Prinzip im April/Mai ziemlich klar, was im kommenden Schuljahr auf Sachsens Schulen zurollt. 20 Wiederholer, zehn Zugezogene und drei Kinder die von Klinikaufenthalten an die Schule zurückkehren, machen das Personalplanungskraut nicht fett. Wann Lehrer aus dem Erziehungsurlaub zurückkehren, ist auch bekannt. Sie müssen sechs Wochen vorher ihrer Dienststelle mitteilen, wann sie wieder einsatzfähig sind. Die Schulleiter melden im Mai ihren Stellenbedarf an die Behörde und auch die Namen derer, die sie gern an ihrer Schule wüssten. Referendare oder Lehrer, bei denen die Chemie stimmt, aber weil die Chemie zwischen Schulleiter und Behörde nicht immer stimmt, stimmt am Ende auch der Wunsch mit der Realität nicht überein. Schulen erhalten selten den, den sie haben wollen. Kompetenzgerangel im Verwaltungsapparat.

In Sachsen-Anhalt nehmen übrigens auch Schulleiter Bewerbungen entgegen und führen Bewerbungsgespräche. In Sachsen sind die Bewerber komplett in der Hand der Bildungsagenturen, die sie dorthin verschieben, wo gerade Bedarf ist und Referendare meist weg von ihrer Ausbildungsschule, die sie kennen und wo sie ein Zwölf-Stundendeputat abgedeckt haben. Die größte Bewerberzahl will nach Dresden oder Leipzig beziehungsweise dort bleiben. Auf's Land will derzeit niemand so richtig, weshalb Studenten nach Plänen des Kultusministeriums demnächst mit einer Bonuszahlung von monatlich 300,00 Euro geködert werden sollen.
Auf dem Bewerbungsformular werden die Stellensuchenden nicht nur gefragt, wo sie arbeiten wollen, sondern ob sie auch in einer anderen Schulform arbeiten würden. Wer nur auf das Gymnasium will, hat schon mal schlechtere Karten. Bewerber werden gern an Grundschulen oder Oberschulen weitergegeben. Das bestätigt auch die Bildungsagentur Leipzig. „Einigen Bewerbern für eine Gymnasialstelle konnten Angebote für die Grundschule oder Oberschule unterbreitet werden.“ Eine Stelle am Gymnasium bekamen indes nur Bewerber mit Kombinationen MINT (also Naturwissenschaften), Fremdsprachen sowie bilingualen Qualifikationen. Derzeit eben 27 von rund 400.

Der groß angelegte Generationenwechsel lässt also weiter auf sich warten. Laut Daten des Statistischen Landesamts Sachsen sind in jeder Schulform deutlich mehr Lehrer über als unter 50. An den Grund- und Förderschulen sind mehr als die Hälfte der aktuellen sächsischen Lehrer in 15 Jahren im wohlverdienten Ruhestand, auf den Oberschulen 2/3. An den Gymnasien sind nur rund 1.000 Lehrer unter 40 Jahren. Die restlichen rund 7.000 sind älter, 4.418 sogar über 50. Ganz abgesehen davon, dass Männer in allen Schulformen deutlich unterrepräsentiert sind. Sachsen bildet schon seit Jahren Referendare für andere aus: für andere (westdeutsche) Bundesländer, die auch dank Sachsen ihren Lehrermangel beseitigen konnten. In Nordrhein-Westfalen erhält längst nicht mehr jeder eine Lehrerstelle. Auch für freie Schulen, denen die sächsische Lehrerwurschtelei nur recht sein kann. Sie kriegen top ausgebildete Leute, die sie nicht mal nach Tarif bezahlen müssen, denn zunächst geht es ja erst einmal darum „etwas zu haben“.

Mehrere Landtagsparteien haben in der abgelaufenen Legislaturperiode darauf hingewiesen, dass die Zeit gekommen ist, frische Kräfte an die Tafel zu lassen und auch die Früchte der Ausbildung zu ernten. Vor allem im Vorfeld der Landtagswahl versuchten diverse Parteien bei der Lehrerfrage zu punkten. Die SPD um Holger Mann und Eva-Maria Stange kritisierte unlängst die Einstellungspraxis, konkret das sogenannte Machtwort von Ministerpräsident Stanislav Tillich, der mindestens 1.000 neue Lehrer versprach und wenig später etwas leiser die Einstellung von nur 775 neuen Lehrern in Aussicht stellte.

Im Kultusministerium in Dresden werden Lehrerstellen in Vollzeitäquivalenten (VZÄ) angegeben, die einer gewissen Stundenanzahl entsprechen. Im Gymnasium sind es 26 Stunden, die ein voll arbeitender Lehrer geben muss. Laut Berechnungen des Ministeriums im Mai sollten zum Schuljahresende 521 VZÄ Sachsens Schulen verlassen, was 1.096 tatsächlichen Lehrer entsprach. Mittlerweile steht die Uhr auf 543 Vollzeitäquivalenten. 775 neue Lehrer sollen nach aktuellem Stand und Versprechen von Tillich neu eingestellt werden. Klingt fast so, als ob das zumindest die Altersabgänge ausgleichen würde. Aber: Nicht alle neuen Lehrer werden Vollzeit arbeiten und nicht alle Abgänge haben Vollzeit gelehrt. Und: Mit dem Schuljahr 2014/2015 kommen auch rund 4.400 neue Schüler auf Sachsens Schulen. Kultusministerin Brunhild Kurth sprach davon, aus diesem Grund noch 253 VZÄ zusätzlich einzustellen. Heißt also: 543 muss sie ersetzen, um zumindest so viele Lehrkräfte zu haben wie im Vorjahr – übrigens bereits letztes Schuljahr 1.000 bis 1.500 zu wenig, um Ausfälle durch Krankheiten, Erziehungsurlaube und so weiter abzudecken und auch den Klassenteiler nicht über 28, sondern unter 28 zu halten. Zu den 543 will sie also noch 253 VZÄ einstellen, um die neuen Schüler auch nicht wie im 19. Jahrhundert in viel zu großen Gruppen unterrichten lassen zu können. Macht also 796 VZÄ. Zur Erinnerung: Tillich sprach von 775 Lehrern - die theoretisch nicht alle Vollzeit arbeiten müssen - und damit auch von deutlich weniger als notwendig und als sich die anderen Landtagsparteien so vorstellen.

Holger Mann will nicht nur die Rentenabgänge ausglichen sehen, sondern 500 Lehrer zusätzlich einstellen, wären also über 1.600 Lehrer. Von Bündnis90/Die Grünen hört man, dass die Mehrausgaben für Bildung und Forschung, die im Doppelhaushalt 2015/2016 vorgesehen sind, ja nur die Fehler der Vergangenheit kaschieren sollen, schließlich die Probleme nicht lösen. SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig sprach bei den Bildungsausgaben im Doppelhaushalt sogar von einer Mogelpackung. „Jährlich 1.000 neue Lehrer reichen eben nicht aus, um unseren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. In Wahrheit verbirgt sich hinter dieser Zahl ein weiterer Stellenabbau, weil mehr Pädagogen in den Ruhestand gehen als eingestellt werden sollen." Ja selbst der bildungspolitische Sprecher des Koalitionspartners FDP, Norbert Bläsner, hob – zu spät - den Zeigefinger. „Die jetzt für das kommende Schuljahr geplanten Einstellungen sichern lediglich den Status quo. Aber in den kommenden Jahren steigen die Schülerzahlen deutlich an. Auch der Unterrichtsausfall ist trotz allen bisherigen, erfolgreichen Anstrengungen immer noch viel zu hoch. Deshalb müssen wir im nächsten Haushalt ausreichend Geld für mehr Lehrer bereitstellen. Wir dürfen bei unseren Bemühungen, den Unterrichtsausfall zu senken und den Generationenwechsel in den Lehrerzimmern zu gestalten, nicht stehen bleiben."

Sachsenweit haben sich in diesem Jahr 2.200 Personen um eine Stelle beworben. Das würde rein zahlenmäßig erst einmal reichen. Allerdings entfallen von den rund 700 Bewerbungen für den Bezirk der Regionalstelle Leipzig circa 400 auf das Gymnasium, wo die wenigsten Einstellungen geplant sind. Ganz zu schweigen von der Frage, welche Fächerkombinationen eigentlich gerade gesucht werden. Die Kombi Deutsch/Geschichte zählt zu den beliebtesten, der Bedarf für diese Fächer ist allerdings gedeckt. In einem Interview im Jahre 2010 kritisierte der damalige Dekan der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig, Professor Dr. Harald Marx, dass an den Universitäten nicht nach Bedarf ausgebildet werden kann. „Mit den Geschichtslehrern, die wir in letzter Zeit angenommen haben, könnte die BRD überschwemmt werden. Pro Jahrgang wird ein Geschichtslehrer gebraucht. An die 80 Studenten studieren hier Geschichte. Die Kapazitäten werden einfach nicht dem Bedarf nach umgesetzt. Wir können natürlich keine 1.000 Grundschullehrer ausbilden, aber 2015 erreicht der Bedarf auch seinen Höhepunkt und flacht etwas ab. Wenn man Verschiebungen vornehmen könnte, dann würde das schon helfen.“ Aber davon will man im Sächsischen Wissenschaftsministerium nichts wissen und beruft sich auf das Grundgesetz. „Der Zugang zu einem Studium darf nicht durch staatliche Eingriffe zum Zwecke der Berufslenkung behindert werden. Das Bundesverfassungsgericht hat mehrfach entschieden, dass jeder hochschulreife Bewerber einen Anspruch auf Zulassung zum Hochschulstudium seiner Wahl hat. Dieses in Art. 12 des Grundgesetzes verankerte Recht darf nur in sehr engen Grenzen eingeschränkt werden. Das Bundesverfassungsgericht hat eine Einschränkung für zulässig angesehen, wenn die vorhandenen Ausbildungskapazitäten erschöpft sind. Im Falle der Zulassungsbeschränkung zur Berufslenkung hat es dies ausdrücklich verneint.“ Die Universität Halle hat im Wintersemester 2005/2006 keine Erziehungswissenschaften angeboten und damit keine Lehramtsstudenten aufgenommen. Genau das wäre doch eine Möglichkeit an den sächsischen Hochschulen, die jahrgangsweise bestimmte Studienfächer schlicht nicht anbieten könnten. Bekanntermaßen haben Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter mit den aktuellen Studierenden auch genügend zu tun, könnten so ein wenig durchatmen. Mit Sicherheit gilt es hierfür allerdings rechtliche Grenzen auszuloten und finanzielle Abkommen zwischen Land und Universitäten zu treffen, die damit rechnen müssten, eine geringere Studentenzahl aufzunehmen.

Im Bereich der Regionalstelle Leipzig stehen übrigens 213 VZÄ zur Einstellung an, davon 105 befristet, 108 entsprechend unbefristet. Das größte Stück vom Kuchen erhalten die Grundschulen mit 58 unbefristeten Stellen. An den Berufsbildenden Schulen wird keine einzige unbefristete Einstellung vorgenommen, an den Förderschulen zwei, am Gymnasium zehn (!) – zur Erinnerung: angemeldeter Bedarf 160 Stellen –, an der Oberschule 38 und dazu noch 43 befristete Stellen. Zu den 213 VZÄ kommen noch 15 VZÄ, die im Februar eingestellt worden sind und statt bis zum 31.12.2014 nun bis zum 31. Juli 2015 angestellt bleiben. Verträge bis zum 31.12. zu befristen, wo das erste Halbjahr noch nicht mal vorbei ist, ist sowieso eine äußerst fragwürdige Praxis. Wer soll denn im Januar den Kollegen ersetzen in einem System in dem die einzige positive Nachricht der Kultusministerin bleibt, dass der Unterrichtsbeginn am 1. September abgesichert sein wird. Das ist doch normal keine Nachricht, die extra betont werden muss, sondern eine Selbstverständlichkeit. ...
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