Alles fürs Kind

Bild: Ildiko Sebestyen Photographie

Von der Kitaplatzgarantie zur rauen sächsischen Wirklichkeit. Michael Freitag

Kaum ein Thema polarisiert so stark, wie die Betreuung der jüngsten Sachsen. So auch im laufenden Landtagswahlkampf 2014. Ob ideologisch im Spannungsfeld zwischen elterlicher Erziehung der Kleinsten im heimischen Umfeld im Gegensatz zum frühzeitigen sozialen Kontakt von Kindern mit Gleichaltrigen, der Frage nach der Gleichberechtigung arbeitender Mütter und natürlich den harten Fakten, seit die Bundesregierung im Jahr 2013 praktisch aus dem Stand die „Kitaplatzgarantie“ aus dem Boden stampfte. Ziel der Reform: mehr soziale Gleichbehandlung und das Potenzial hochqualifizierter Frauen am Arbeitsmarkt zu stärken.

Erst folgte ein regelrechter Bauboom. Vor allem in den größeren sächsischen Gemeinden, vor allem im Wachstumskern Leipzig investierte man deutlich. Während noch zwischen 2006 und 2013 rund 6.100 neue Kitaplätze geschaffen wurden, zogen die Investitionen stark an. Kämmerer Torsten Bonew im Haushaltsplan 2014 zu den Zahlen im Vergleich: Allein für 2014 „ … sind durch das Dezernat Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule rund 5.500 neue Plätze geplant.“ - städtische Aufwendungen für Kitas in Höhe von 221 Millionen Euro oder 17 Prozent vom kommunalen Haushalt und mehr, als die Stadt Leipzig pro Jahr an Gewerbesteuer einnimmt.

Während es in der Folge der Maßnahmen kaum die befürchtete Klagewelle der Eltern gab, die dennoch aufgrund von Investitions- und Bauverzug weiterhin Schwierigkeiten hatten, einen Kita- oder Krippenplatz zu finden, schlich sich längst das eigentliche Problem im Windschatten der erfreulichen Zuwächse bei den Kinderzahlen an. Am 4. Juli 2014 platzte dann das Wort „Betreuungsschlüssel“ in den sächsischen Wahlkampf hinein. Die „Bertelsmann Stiftung“ traf in einer deutschlandweiten Erhebung eine einfache Aussage: „Eine Frage der Qualität: Kitas haben oft zu wenig Personal“ – am 25. Juli folgte die vollständige Studie.

Diese attestierte dem Land Sachsen einen katastrophalen Umgang mit den Kleinsten, denn in beiden Kategorien der Unter-Dreijährigen und der Über-Dreijährigen kassierte der Freistaat Platz 2 ein. Von hinten gesehen, statt einem Treppchenplatz einer der abgeschlagenen Verlierer bei der Qualität der Betreuung in sächsischen Kindertagesstätten. Schlechter war bei den Kindern unter drei Jahren nur noch Sachsen-Anhalt, bei den Kindern ab drei Jahren bekam Mecklenburg-Vorpommern die rote Laterne. Etwas, was die „Leipziger Kitainitiative“ längst wusste, weshalb sie am 26. Juli Originalrückmeldungen von Leipziger Kitafachkräften veröffentlichte. Fazit: "Pädagogische Arbeit ist nicht mehr möglich, es geht nur noch darum, das Chaos zu verwalten."

Seither dreht sich bei den Wahlkämpfern alles rings um das Thema „Betreuungsschlüssel“ in Sachsen. Für die Linken kommentierte Annekatrin Klepsch die Ergebnisse: „Einem sehr gut ausgebauten Platzangebot steht einer der schlechtesten Betreuungsschlüssel im bundesdeutschen Vergleich gegenüber. Die Qualität in der Kindertagesbetreuung leidet, wenn aufgrund der Regelungen im Sächsischen Kita-Gesetz bis zu 8 Krippenkinder (Schlüssel 1:6) und bis zu 20 Kindergartenkinder (Schlüssel 1:13) von einer Erzieherin oder einem Erzieher betreut werden."

Um hier nachhaltige Veränderungen zu schaffen, forderte sie, im Haushalt 2015/16 die nötigen Gelder von 113 Millionen Euro bereitzustellen, die Grünen gehen hier von zusätzlichen 90 Millionen in einem ersten Schritt aus. Aufgrund anderer Gehaltsberechnungen und einer fehlenden Abgrenzung von den Schulhorten landete hier die Bertelsmann-Stiftung sogar bei 730 Millionen. "In einem ersten Schritt wollen wir die 2 Stunden Vor- und Nachbereitungszeit sowie fünf Fortbildungstage pro Jahr und Fachkraft im Betreuungsschlüssel berücksichtigen und ihn in der Kita auf 1:12 senken", so Klepsch.

Zum Vergleich: Die Bestplatzierten, wie Bremen (1 zu 7,7) und Baden-Württemberg (1 zu 8) haben bei der Betreuung der Dreijährigen und aufwärts Dimensionen erreicht, wovon die sächsischen Eltern für ihre Sprösslinge nur träumen können. Der Schritt, deutlich mehr Kindergärtnerinnen und –gärtner einzustellen, als die derzeit 27.936 Personen, die in sächsischen Tageseinrichtungen für Kinder bis 6 Jahre tätig sind, ist überfällig, eine Ausbildungsinitiative für entsprechende Fachkräfte ebenso.

Den neuen Geldforderungen hält die seit 25 Jahren in Sachsen regierende CDU ihren Vorschlag entgegen, nach der Landtagswahl eine Erhöhung der Zuschüsse des Landes von derzeit 1.875 Euro auf dann 2.060 Euro pro vollem 9-Stunden-Tagesplatz und Kind zu beschließen. Die Opposition geht in diesem Bereich längst von 2.300 Euro pro Platz aus. Denn damit stiege der Zuschuss des Landes seit 2005 überhaupt mal wieder, die eingefrorenen Zuschusszahlungen waren bereits in den letzten Jahren steter Streitpunkt
zwischen Opposition, den Wachstumskernen Sachsens Dresden und Leipzig und der Landesregierung. In der Messestadt hat man nun auch errechnet, wer die Hauptlast der Kosten schultert. 64 Prozent aller Kitakosten liegen bei der Kommune Leipzig.

Am 18. Juli 2014 verkündete Michael Kretschmer, Generalsekretär der Sächsischen Union, zum geplanten Doppelhaushalt 2015/16: „In der Summe stehen hiermit 88 Millionen Euro im Doppelhaushalt zusätzlich für die Kindertagesbetreuung zur Verfügung. Der Zuschuss steigt damit auf fast 500 Millionen Euro im Jahr.“ Da es sich hierbei bereits außerhalb des schlechten Betreuungsschlüssels um Zahlungen handelt, welche von den gesamt gestiegenen Betriebskosten wie Energiepreise, Essensversorgung und Ausstattungen in den Kitas seit 2005 aufgebraucht werden dürften, bleibt das Thema „Personal“ davon noch weitgehend unberührt.

Gelder für eine Senkung der Betreuungsschlüssel und damit einer qualitativen Aufwertung der Kinderbetreuung sind nicht enthalten, eine gesetzliche Senkung des Verhältnisses zwischen dem zusehends überforderten Personal und der steigenden Kinderanzahl scheint für die sächsischen Christdemokraten derzeit eine ferne Vorstellung....
TERMINE Weltnest

OFFICE

3VIERTEL
Merseburger Straße 33
04177 Leipzig

KONTAKT

Tel.: 0341 . 33 11 774
E-Mail: info@3viertel.info

FOLGE UNS

fb twitter
Startseite . Kontakt . Impressum . Nutzungsbedingungen & Datenschutz