Vertriebene ex utero

Bild: Ildiko Sebestyen Photographie

Heimaterfahrung ist Narbenbildung. Von Oscar Adlerhut

Wenn man mich fragt, wo meine Heimat ist, dann habe ich nie eine passende Antwort darauf. Mit fällt dann immer Blochs rätselhafte Aussage ein, dass Heimat das ist, was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war. Oder Nietzsches lyrische Mahnung: „Weh dem, der keine Heimat hat.“ Die Rückkehr der Heimat, ist wie die Wiederkehr von etwas Verdrängtem, weil es weiter andrängt, noch nicht erledigt, weil nicht erkannt ist. Weil noch nicht verstanden wurde, was Heimat ist. Es ist nicht allein die Stadt meiner Kindheit, der Ort meiner Geburt. Und doch habe ich die Vermutung, dass das, was ich unter dem Begriff Heimat subsumiere, entscheidend mit Geburt und Kindheit zusammenhängt. Aber schauen wir mal nach.
Der belastete Begriff Heimat ist spätestens mit den Eruptionen des Nationalismus, deren traumatischer Kulminationspunkt die Katastrophen von Verdun und Auschwitz waren, nahe zu verunmöglicht worden. Und doch zeigt sich in einer dem Zwang von Flexibilität, Mobilität, Neoliberalität unterworfenen Welt, der Wunsch nach - und hier wird schon etwas Entscheidendes vorweggenommen - Geborgenheit und Ruhe. Ist Heimat also mehr ein Gefühl, denn eine topografisch begrenzte Fläche, die beschützt werden muss? Diesem „dunklen Begriff“ gilt es, sich zu stellen.

Dieser Meinung ist auch Prof. Dr. Christoph Türcke. In seinem Buch „Heimat: Eine Rehabilitierung“ (2006) spürt er den Urgründen des Begriffs nach und kommt zu erhellenden Einsichten. Für den ehemaligen Professor der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig ist die Geburt, nicht der Geburtsort, ein Urmoment, man ist geneigt zu sagen der Mythos der Heimatbildung. Und doch ist die Geburt das Gegenteil von Heimat. Zur Welt kommen bedeutet in erster Linie den Verlust der Geborgenheit - fremde Hände und Stimmen, die Strapazen der Geburt. „Vielleicht ist ein Mensch nie fremder als im Moment seiner Geburt“, vermutet Türcke. Und fremd sein hat auf den ersten Blick wenig mit Heimat zu tun. Und doch greift hier eine interessante Dialektik. Der Säugling, der durch die Geburt seine erste Trennung erfahren hat, dem die Augen aufgegangen sind wie Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies - auch eine Geburtsszene - kann nicht mehr in die Reizarmut des Mutterleibes zurück. Die Nabelschnur ist zerschnitten. Es gibt keinen Weg zurück. Und doch versucht er alles, um sich Heimat anzueignen. Der Saugreflex ist dafür der markanteste aller Primartriebe. Durch das Saugen an der Mutterbrust versucht der Säugling, so Türcke, sich in den Mutterleib, von dem er auf ewig getrennt ist, zurück zu saugen, die alte Geborgenheit wieder zu erlangen. Aber gerade durch dieses Zurückwollen entwächst er durch das Saugen allmählich der Symbiose. Zuerst rein physisch durch die nährende Muttermilch, die ihn wachsen lässt. Später auch auf allen anderen Ebenen. Und doch bleibt der Verweis auf diese erste Trennung als unauslöschliches Erbe erhalten. Der Bauchnabel zeugt davon.

Demnach ist Heimat die erste Umgebung, der Menschen nach ihrer Geburt anwachsen können. Die Umgebung, der sie anwachsen, ist dann aber schon eine zweite Heimat, wenn man den Mutterleib als erste Heimat bezeichnen möchte. Für das Erleben des Mutterleibes als Heimat fehlen dem Fötus entscheidende Voraussetzungen. Erst durch den Geburtsschock werden alle Sinne stimuliert, so Türcke. Die spezifische Wahrnehmungsleistung entsteht beim Versuch, den Schock der Geburt wegzuarbeiten. Das Saugen überspielt hierbei den Geburtsschock. Es ist der Versuch, den Mutterleib in sich und sich in den Mutterleib hineinzusaugen. Dieser Trieb wird später mehrfach frustriert und partial und die Mutterbrust somit zu einem tragischen Organ. Sie gibt dem diffusen Begehren des Säuglings Halt, kann aber das, was bei der Geburt verloren ging, nicht wieder herstellen. Die Täuschung des Säuglings mit dem Genussspender eins zu sein, wird dabei nachhaltig enttäuscht.
Der Mutterleib wird also erst nachträglich zu dem, was er nicht war, solange sich das Kind darin befand: Heimat. Die Heimat als Nicht-Ort, als Utopos entsteht erst nach dem Verlust, wenn der Rückweg versperrt ist. Erst der Widerstand, das Zurückgestoßen-Werden, die Fremde lehrt, das Eigene kennen. „Das Eigene ist das Andere des Anderen“, heißt es bei Türcke. Erst durch die Erfahrung von Widerstand und Trennung lernt das Kind, dass es ein Außen, dass es Grenzen gibt. An diesem Widerstand der Objekte formiert sich das Selbst als Reflexionsprodukt und lernt sich auf sich selbst zu beziehen in genussvoller Art, die ihm durch Brustentzug versagt wird. Die Umgebung des Säuglings wird zur Heimat, wenn er sie als muttergemäß erlebt. Sie ist zwar „nur“ eine zweite Heimat, aber die erste konkrete, die erste, die mit allen Sinnen erlebt wurde und alle Entbehrungen mitgemacht hat.

Auch für Bernhard Schlink ist die Erinnerung an die unwiederbringliche Kindheit, an Lebensabschnitte unwiederbringlichen Glücks konstitutiv für das Erleben von Heimat. „Die Heimaterfahrungen werden gemacht, wenn das, was Heimat jeweils ist, fehlt oder für etwas steht, das fehlt“, schreibt er in seinem Buch „Heimat als Utopie“. Die Sehnsucht nach intakter Heimat setzt die Zerstörung der Heimat voraus, so der Autor des „Vorlesers“. Das eigentliche Heimatgefühl ist für Schlink Heimweh. „Aber auch wenn man nicht weg ist, nährt sich das Heimatgefühl aus Fehlendem, aus dem, was nicht mehr oder noch nicht ist … Heimat ist ein Ort nicht als der, der er ist, sondern als der, der er nicht ist.“

Der Verlust ist der Moment, der Heimat erst zur Welt kommen lässt. Ohne Fremde keine Heimat. Auch am Begriff der von Türcke postulierten konkreten Heimat lässt sich der Verlust nachzeichnen. Was zusammenwachsen muss, wurde vorher geschieden. „Heimat wird erst, wo zuvor Schock, Trennung, Beschädigung waren. Heimat kann sie nie ganz rückgängig machen, wohl aber bis an den Rand der Unkenntlichkeit mindern und lindern.“ Die erste erlebte Heimat ist für Türcke der Ersatz für den Utopos der Heimat, der durch den Verlust zur heilen Welt, die sie nicht ist, verklärt wird. Sie mag angesichts der Unsicherheit heil anmuten, ist es aber nicht per se. „Die konkrete Heimat des Kindes ist keine heile Welt, aber nichts repräsentiert heile Welt so sehr wie sie … Die zweite Heimat für die erste nehmen, den Ersatz für die Sache selbst: von dieser elementaren Verwechslung rührt alle Beschränktheit, alle Sentimentalität, aller Kitsch, alle Barbarei her, die sich je mit dem Wort Heimat verbunden hat.“ Entscheidend sei, so Türcke, die Überschätzung von Heimat zur Schätzung zu mäßigen. Dazu müsse man sich auf die Entbehrungen besinnen, die die Herstellung des vertrauten Zustandes gekostet hat.

Mittels solcher Besinnung ist es dann auch möglich, den Begriff der Nation zu seinen Wurzeln zurückzuverfolgen. Auch dieser Begriff ist einer des Verlusts. An den ersten Universitäten in Paris oder Bologna gab es Zusammenschlüsse an den Universitäten, die Nationes genannt wurden. Wer die verschiedenen Häuser an der Harry-Potter-Schule Hogwarths kennt, hat ein ungefähres Bild von dem, was hier gemeint ist. Diese Art des Zusammenlebens, unabhängig von Herkunft, wurde als Exilprodukt in das Herkunftsland mitgebracht und wird erst mit der Französischen Revolution zur Nation aufgebläht und mit völkischen Untertönen versehen. Die Entstehung des Nationalismus lässt sich dann im Zuge der kapitalistischen Industrialisierung verfolgen. Staatliche Maßnahmen zur Disziplinierung und Vereinheitlichung der Bevölkerung wird von nun an als Bewahrung und Vertiefung des Volkscharakters ausgegeben und zeitigt die Essenz der nationalistischen Propaganda in allen führenden Staaten des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Nation war eine überdehnte und überspannte Heimat mit kultischer Dimension, so Türcke. Heute werde er vom Regionalismus abgelöst mit Tendenzen zum lokalen Fanatismus. Darin zeigt sich aber auch ein legitimer Wunsch, dass unter den Imperativen von Mobilität, Flexibilität und Innovation etwas gewünscht wird, wofür der Begriff der Heimat eigentlich steht. Türcke nennt es ein berechtigtes Bedürfnis mit schauriger Äußerung. Im Umkehrschluss sei eine vom Nationalstaat emanzipierte Heimat kein Ding der Unmöglichkeit - es geht dabei um einen gemeinsamen Erfahrungsraum, der als gemeinsamer Verantwortungsraum erfahren wird, über alle Grenzen hinweg und gerade an den Grenzen. Der fatale Konsens im Dissens ist heute, so Türcke, die Wahrnehmung von Heimat als überspannte Heimat. Heimat ist vielleicht das Gegenteil von nationalem Geblöke, mit dem die ich-schwachen Herden ihren Führern zur Schlachtbank nachschleichen. Heimat ist das Gegenteil von Kälte, die die Fähigkeit zu lieben schockgefriert. Heimat ist Beziehung und Bezogensein. Wer meint, so etwas nicht zu brauchen, ist kein Weltbürger, sondern verkrüppeltes Produkt einer unter Entfremdung leidenden Welt, die ihr Leid dadurch reproduziert und verewigt.

Im Übrigen ist auch die schöne neue Welt des Digitalen nie Heimat. Die traditionellen sozialen Körper lösen sich durch die Diktatur der Bildmaschine allmählich auf, so Türcke. Man könnte vermuten, dass der permanente Anschluss an die Bildmaschine via Smartphone, Computer usw. den Anschlusswunsch an den Mutterleib wiederholt. Scheinbar versorgt mit allem, verkabelt mit dem digitalen Gesamtkörper (die Assoziation zur Nabelschnur ist augenscheinlich), saugend an den Datenbrüsten des World-Wide-Web, verhungern wir, wenn wir nicht verstehen, von wo dies Wünschen seinen Ursprung nahm. Netzwerken kann man nicht anwachsen, konstatiert Türcke. Der Chatkontakt ersetzt nicht die gewachsene Vertrautheit einer Beziehung, sie kann als Kulisse von Heimat dienen, ist sie aber nicht selbst.

Heimatbildung ist für Türcke eine Art Vernarbung, die sich physisch am Bauchnabel nachvollziehen lässt. Er ist der Verweis der ersten Trennung, ohne die Heimat nicht entstehen hätte können. Der Wunsch nach einem Zurück in die Geborgenheit reizlosen Glücks, das erst im Nachhinein dazu gemacht wird, ist eine menschliche Regung, deren Unterdrückung pathogen werden und sich zu Wahngebilden auswachsen kann. Die zweite Heimat ist ein Ersatz „einer allerersten, die selbst nie erlebt wurde und doch der Fluchtpunkt aller erlebten ist, …“ Vor diesem Hintergrund versteht man auch Adornos Worte, die vom Versuch sprechen, die eigene Kindheit verwandelt einzuholen. Einholen kann man eigentlich nur das, was vor einem liegt. Und doch ist die Kindheit so prägend, dass sie allem anderen uneinholbar voraus liegt. Sie entzieht sich immer, zieht sich zurück, ist entschwunden und doch in höchstem Maße präsent. Erst wenn wir das Peinliche und Beschämende integrieren ohne es zu vergessen, soll heißen dem traumatischen Wiederholungszwang keine Gewalt über das eigene Leben einräumen, löst sich das Rätsel der Heimat. Dann geht es nicht um Nationen, sondern um viele von Staaten befreite Heimaten, die trotz ihrer Differenz nebeneinander sein können. Dann verwirklicht sich vielleicht die Blochsche Utopie vom Umbau der Welt in Heimat. Denn für den ehemalig in Schleußig lebenden Philosophen sind nicht nur wir, sondern ist auch die Welt noch nicht zuhause. Die Zielrichtung der Hoffnung ist Heimat trotz aller Vernarbung, allen Schmerzes, der durch die Trennung zur Welt kam und damit zum Integral von Heimat wurde. Damit die Welt zuhause sein kann, müssen wir erst einmal verstanden haben, was es heißt zuhause zu sein. Durch ein grundlegendes Verständnis, durch eine kritische Aufklärung der verschütteten Spuren und Weg aller bisherigen Heimaten würde wir sicherlich zu dem Punkt gelangen, dass eben jene Heimaten alle einen gemeinsamen Ursprung haben. Dabei reicht der Blick auf das Merkzeichen des alten Unfalls (Platon), auf die Narbe, die jeder auf seinem Bauch trägt....
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