Der Ball bleibt rund

Bild: RB Leipzig


Warum die Kritik an RB Leipzig ins Leere läuft.
Von Martin Schöler (Leipziger Internetzeitung)

Die Kapitalismuskritik, die von Fans vieler Vereine auf die Rasenballer projiziert wird, ist verkürzt. Wer einerseits das Investment des Brausekonzerns Red Bull verteufelt, um andererseits stolz das Emblem der Telekom, von Veolia oder dem Joseph's Pub auf seinem Fan-Trikot durch die Gegend zu tragen, hat nicht begriffen, dass der FC Bayern, Dynamo Dresden oder Lok Leipzig denselben ökonomischen Zwängen unterliegen wie RB Leipzig. Dass die Rasenballer vorrangig von Red-Bull-Getreuen gegründet wurden, um den Energy Drink ihres Arbeitgebers eines Tages prominent in Kicker, Tagesschau und Bild-Zeitung zu bewerben, mag sein.

Allerdings übersehen Kritiker des Clubs zu gern, dass es sich bei RasenBallsport Leipzig e.V. primär um einen Fußballverein handelt. Die Rasenballer sind gerade kein kapitalistisches Unternehmen, sondern ein gemeinnütziger Verein. Die Zuschauerzahlen beweisen, dass an dessen Existenz zehntausende Leipziger ein berechtigtes Interesse zu haben scheinen. Er wirkt längst in die Stadtgesellschaft hinein und hat dem schon als Investment-Ruine abgestempelten Zentralstadion eine nachhaltige Perspektive einverleibt. Das alles ist seit 1990 weder dem VfB Leipzig/Lok Leipzig noch FC Sachsen/BSG Chemie/SG Sachsen auch nur annähernd gelungen.

Problematisch erscheint zudem, dass die verkürzte Kapitalismuskritik permanent mit antisemitischen Chiffren aufgeladen wird. In beinahe jeder Facebook-Gruppe zu dem Thema ist - in Anspielung auf den Vereinsnamen - von "Rattenball" die Rede. Das Kunstwort stammt ursprünglich aus dem rechtsradikalen Teil der Lok-Fanszene. Die Anspielung auf den NS-Propagandafilm "Der ewige Jude" ist unübersehbar. Schon Wilhelm Marr bezeichnete Menschen jüdischen Glaubens als goldene Ratten in einer 1879 erschienenen Propagandaschrift. Judentum und Kapitalismus bedingen einander und sollen vernichtet werden, heißt es dort. Das Emblem einer Facebook-Gruppe, das zwei rote Ratten zeigt, die eine Euromünze mit ihren Schnauzen in die Höhe halten, spricht in diesem Zusammenhang eine klare Sprache. Auch das Denken in Kategorien „Wir gegen Die“, wobei die aus ihrer Sicht „absolut guten Traditionalisten“ das „absolut Böse“, hier RB Leipzig als Inbegriff modernen Fußballs, in einem Endkampf vernichten wollen, ist strukturell-antisemitischer Natur und hat gut deutsches Gepräge.

RB Leipzig ist der politische Gegenentwurf dessen, was Neonazis als Fußballverein legitimieren würden. Unstrittig ist, dass die Tradition der Rot-Weißen "nur" bis ins Jahr 2009 zurückreicht. Hinzu kommt, dass sich der Verein in seiner Satzung explizit dem Antirassismus verpflichtet hat. Dass sich RB Leipzig seit Jahren an den "Internationalen Wochen gegen Rassismus" beteiligt oder seinen Fans gestattet, sich mittels Banner mit einem durch Neonazis verletzten schwedischen Ultra zu solidarisieren, ist keineswegs Zufall, sondern von den Red-Bull-Bossen so intendiert.

Die bei Neonazis beliebte Bekleidungsmarke "Thor Steinar" ist per Stadionordnung verboten. Der Frauenanteil im Stadion ist überdurchschnittlich hoch. Anders als die Konkurrenz aus Probstheida mussten die Rasenballer zu keinem Zeitpunkt mit sexistisch konnotierten Freikarten-Aktionen um die Gunst der weiblichen Fans werben.

RB Leipzig hat sich Anti-Diskriminierung auf die Fahnen geschrieben. Der Fußball soll offen für alle Menschen sein. Die Angebote für Besucher mit Handicap sind sehr nachgefragt. Freizügige Nummerngirls sind undenkbar. Maskulin aufgeladenes Mackertum ist verpönt. Nicht zuletzt deshalb ist RB Leipzig ein Erlebnis für Groß und Klein. Viele Stadionbesucher bringen ihren Nachwuchs mit. Homophobe Bemerkungen sind in der Kurve nicht erwünscht. Rechtsextremisten müssen, so sie sich zu erkennen geben, mit Haus- und Stadionverboten rechnen. Dass es solche Fans auch gibt, kann jeder, der offenen Auges durch die Internetforen streift, erkennen. Bei Facebook reichen ein paar Klicks, um eindeutig politisch motivierte Unterstützer zu finden, die möglicherweise die rot-weißen Vereinsfarben und die historische Verbindung zu einem gewissen Österreicher hier falsch interpretieren. Gegenüber solchen Phänomen sollte man in der eigenen Fanszene und auch vereinsintern nicht die Augen verschließen.

Dem deutschen Durchschnittsfan, der in einem maskulin dominierten und häufig gewaltbejahenden Umfeld sozialisiert wurde, mag dies alles befremdlich vorkommen. Tradierte, mit Fußball assoziierte Wertvorstellungen, wie Kampfgeist, Härte und Maskulinität, die die Fankurven in den Achtzigern und Neunzigern charakterisierten, verblassen zusehends im Lichte fortschreitender Ökonomisierung.

Fans des runden Leders, welche sich die Zustände von "früher" herbeisehnen, die sie mitunter selbst gar nicht erlebt haben und in denen aber angeblich alles "besser" gewesen sein soll, scheinen von der Wucht, mit der RB Leipzig den bis 2009 äußerst raubeinigen Leipziger Fußball in ein kuscheliges Familienevent transformiert, schlichtweg überfordert zu sein.

Radikale Umwälzungen sind dem Leipziger Spitzensport nicht fremd. Man denke nur an die von oberster Stelle angeordneten Strukturreformen im Ostfußball in den Fünfzigern und Sechzigern. Doch keine Umbenennung, keine Neugründung, kein Transformationsprozess stellte die sportlichen Verhältnisse in Fußball-Leipzig so rasant und einschneidend auf den Kopf wie der Einstieg des österreichischen Weltkonzerns.

Zum Bruch mit der gewaltbejahenden Hegemonie, wie sie beim 1. FC Lok und BSG Chemie nach wie vor existent ist, addiert sich der konsequente Bruch der RB-Macher mit der von Fans, lokalen Funktionären und Medien konstruierten Leipziger Fußballtradition, die sich vorrangig aus der Vergangenheit zweier DDR-Clubs speist. Nun sind "Traditionen" keine Naturgesetze, sondern artifizielle, von Menschen kreierte Konstrukte.

Man sollte deshalb annehmen, dass gerade linke Fußballfans den Red-Bull-Einstieg begrüßen müssten. Tatsächlich finden sich auf den Rängen des Zentralstadions viele gemäßigt linksliberale Zuschauer. Die meisten Leipziger Hardcore-Linken mit Fußballaffinität machen um den Dosen-Club trotzdem konsequent einen Bogen.

Die tendenziell linksradikalen Chemie-Ultras finden bei den Rasenballern weder die selbst konstruierte Tradition vor, der sie sich verpflichtet fühlen und ohne die die Ultra-Ideologie nicht funktioniert, noch könnten sie mit dem gewaltbewussten Gangpathos, den sie von ihren Frankfurter Vorbildern eins-zu-eins kopiert haben, in dem familienfreundlichen Umfeld reüssieren. Die punkig-peacigen Supporter des Roten Stern denken überwiegend in einfach gestrickten antikapitalistischen Schubladen, so dass viele von ihnen RB Leipzig als Inbegriff des verhassten Kommerzfußballs begreifen. Hinzu kommen vereinzelte Sympathien für andere Bundesligisten mit traditionell linksalternativen Umfeld, etwa für den FC St. Pauli.

RB Leipzig ist nicht nur Leipziger Fans ein Dorn im Auge. In der abgelaufenen Spielzeit protestierten die Anhänger diverser gegnerischer Clubs gegen die Rasenballer. Nun ist der Leipziger Fußball mit seinen komplexen Rivalitäten und Befindlichkeiten für Ortsfremde ein Buch mit sieben Siegeln. Da verwundert es kaum, dass Fans aus Dresden, Berlin oder Dortmund, die sich ihrerseits als Teil einer erfundenen, weil artifiziellen Tradition begreifen, ihren Fortbestand gefährdet sehen - durch Vereine, die sich wie RB Leipzig den hochgradig ökonomisierten US-Sport zum Vorbild nehmen. In ihrer Panik greifen sie bereitwillig Stichworte auf, die ihnen einschlägige, rechtsextreme Ideengeber in sozialen Netzwerken liefern. Die antisemitische Chiffre "Rattenball" hat sich längst viral verselbstständigt.

Auffällig ist, dass gerade jüngere Fans, die vornehmlich im Netz, aber auch in ihren Fanszenen gegen RB Leipzig zu Felde ziehen, den Spitzenfußball als ein statisches, schier unveränderliches Gebilde begreifen. Der FC Bayern würde demnach gefühlt jedes zweite Jahr Deutscher Meister, Dortmund spielt immer wieder mal oben mit und der Hamburger SV bleibt auf immer und ewig unabsteigbar. Das ist freilich ein Trugschluss.

Weil der deutsche Fußball seit seinen Gründungstagen auf einem durchlässigen Reglement fußt, gab es schon immer Auf- und Absteiger. Von den acht verschiedenen Deutschen Meistern der Jahre 1903 bis 1921 nehmen mit Holstein Kiel und dem 1. FC Nürnberg nur noch zwei Vereine unter ihrem damaligen Namen am Spielbetrieb teil. Als die Bundesliga 1963 in ihre Premierensaison startete, durfte der FC Bayern München nicht teilnehmen.

Fans irren folglich, wenn sie RB Leipzig als "Traditionsbrecher" wahrnehmen, der die (praktisch nicht vorhandene) Hegemonie im deutschen Profifußball gefährde. Da die meisten Bundesliga-Vereine gerade einmal um die 100 Jahre alt sind, lässt sich seriöserweise ohnehin kaum von echter Tradition reden, die durch den Brause-Club aufgebrochen werden könnte.

In Sachen Fankultur ist RB Leipzig positiver Vorreiter. Keine zweite Fanszene in Leipzig ist so handzahm wie die der Rasenballer. Dabei stellt der Neuling mit Abstand die größte Anhängerschaft. Trotzdem: Keine Gewalt, keine Vorfälle mit Pyrotechnik auf den Rängen, keine rechtsextremen Erscheinungsformen. Ein Ist-Zustand, der nicht allen auswärtigen Beobachtern zu schmecken scheint. Wenn Phillip Köster, Chefredakteur des Fachmagazins "11 Freunde", im April 2014 den enthusiastischen RB-Fans provokant vorwirft, "Fankultur" lediglich zu simulieren, wünscht er sich in völliger Verkennung der hiesigen Situation offensichtlich die prügelnden Hools und Glatzen zurück, die im Fahrwasser anderer Leipziger Vereine jahrelang Angst und Schrecken verbreitet haben. Denn Leidenschaft und Liebe für die Sache verkörpern die RB-Fans par excellence. Wenn prügelnde Gestalten also der ausschlaggebende Indikator für das Vorliegen von "Fankultur" sein sollen, können die Leipziger gut darauf verzichten.

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