Von Marshmallows, Lagerfeuern und Rittern

Bild: Ildiko Sebestyen Photographie

Was steckt hinter dem Mythos des Pfadfindens?
Von Christin Pomplitz

Verlasse jeden Ort besser, als du ihn vorgefunden hast. Das ist einer der Grundsätze eines echten Pfadfinders.
Die Grundtugenden des Pfadfindens glaubt wahrscheinlich jeder zu kennen. Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Toleranz, Gemeinnützigkeit und Achtung vor der Natur. Aber was davon ist Realität und was wird uns nur durch die Filmindustrie in die Köpfe gepflanzt?
Auch in unseren Breitengraden gibt es die vermeintlich uniformierten Ritter der Natur.
3Viertel hat sich mit dem Pfadfinderstamm LEO einmal genauer auseinandergesetzt und nachgefragt, was sich hinter dem Mythos wirklich verbirgt.

Der Stamm LEO gehört zum Bund Deutscher Pfadfinder und steht damit unter dem Schirm eines unabhängigen, offenen, demokratischen Jugendverbandes, der die gesellschaftliche Partizipation und Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen zum Ziel hat. „Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen, die Leitung von Gruppen zu lernen und den Respekt vor anderen und der Natur zu wahren“, erklärt Sophie Grigutsch, selbst Pfadfinderin und Gruppenleiterin beim Stamm LEO.

Im pädagogischen Konzept des Stammes heißt es unter anderem: „‘Pfadfinden’ ist ein Lebensgefühl, und gerade das ist es, was uns verbindet und zu einer weltumspannenden Jugendbewegung hat werden lassen. Demokratie lebt vom Mitmachen. Wir wollen sie als Prinzip stärken, indem wir sie in unserer eigenen Arbeit verwirklichen. Dabei sind wir parteipolitisch unabhängig, betreiben aber politische Bildung und fördern das politische Engagement unserer Mitglieder.“

Zwischen dem romantischen und naturbezogenen Charme des Pfadfinderdaseins scheint sich seit geraumer Zeit auch ein politischer Gedanke zu drängen. Politische Bildung, glaubt man der amerikanischen Filmindustrie, spielt beim Kekse verteilen, älteren Damen über die Straße helfen und Marshmallows am Lagerfeuer rösten, keine große Rolle. Dabei wird oft vergessen, woher die Pfadfinder kommen.

Das Handbuch „Aids of Scouting“, zu Deutsch „Anleitung zum Kundschafterdienst“, des englischen Generals Robert Baden-Powell sollte 1899 der britischen Armee dienen. Aus seiner Eigendynamik entwickelte sich das Buch sozusagen zum ‚erlebnispädagogischen Konzept‘ für Jugenderziehung. Die speziell für Jugendliche überarbeitete Version „Scouting for Boys“ wurde zum Grundstein der Scouting for Boys Association, die die Jugendlichen zu ritterlichen und ehrlichen Menschen ausbilden sollte.

Oft wird vergessen oder verwechselt, dass die deutschen Pfadfinder kein Erzeugnis des Nationalsozialismus waren. Im Zuge der Machtergreifung von 1933 wurden die deutschen nichtkonfessionellen Pfadfinderverbände aufgelöst und ihre Mitglieder in die Hitlerjugend eingegliedert. Die konfessionellen Verbände wurden spätestens 1938 gänzlich von der Gestapo verboten.

Anschuldigungen, Pfadfinder seien in der Regel schon immer politisch rechts orientierte, militärische Zusammenschlüsse, scheinen damit haltlos. Vielleicht kommt in gewissem Maße daher der Drang, die Jungen und Mädchen an Politik behutsam aber sinnstiftend heranzuführen und ihnen eine Hilfestellung in der eigenen Meinungsfindung zu geben.
„Es gibt tatsächlich gewisse Pfadfindergruppen, die sich Pfadfinder nennen, dabei einen fast faschistischen Eindruck erwecken und sehr militärisch auftreten. Die werden im besten Fall aber verboten. Damit haben wir als Stamm Leo nichts am Hut. „Wir sind nicht politisch in dem Sinne, aber wir wollen auch politische Bildung einbringen. Das heißt für uns, die jungen Menschen dazu zu bringen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, dass sie sich informieren, dass sie wählen gehen usw. Aber wir setzen dabei keine ‚Vorgaben‘, was gewählt werden sollte oder ähnliches“, stellt die 17 jährige Girgutsch klar.

Natürlich konzentriert sich beim Pfadfinden nicht alles auf eine gesunde politische Wahrnehmung. Im Vordergrund steht vielmehr das Gemeinschaftsgefühl - gemeinsam (er)leben, Neues über sich selbst, über Andere und über die Natur lernen. Im Rahmen des Pfadfinderbundes werden auch bundeweite Ausbildungsprogramme und Fortbildungen für die PfadfinderInnen angeboten. Dahinter verbirgt sich ein Ausbildungssystem mit Weiterbildungskursen für Gruppenleiter. Die Teilnehmer lernen unter anderem, wie Gruppenstunden geplant werden. Weiterhin werden rechtliche Grundlagen, wie Aufsichtspflicht und Jugendschutz gelehrt und der richtige Umgang mit sexualisierter Gewalt vermittelt. Aber auch Dinge die nur Spaß machen sollen, wie kreative Themenfindung, werden durchgespielt.

Oft hängt den PfadfinderInnen das Vorurteil der ‚Freaks‘ oder der Sekte nach. Militärisch gedrillte Uniformierte im Kinder- oder Jugendalter, Gemeinschaften, die sich sektenartig versammeln und im Wald schlafen, sind weitere Beispiele für häufige Zuschreibungen.
Sophie und ihr Stamm sind solchen Meinungen bislang nicht begegnet: „Die meisten Menschen wundern sich erst mal. Jugendliche finden es oft lustig oder albern. Direkt begegnet, ist uns dieser Vorwurf noch nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die so über Pfadfinder denken oder die uns mit der FDJ in Verbindung bringen. Manchmal fällt es uns aber selbst schon auf! Es sind schon echt lustige Leute teilweise bei uns“, so Girgutsch.

Uniformzwang gibt es bei den Pfadfinderstämmen nicht. Wenn, dann wird eine Kluft getragen, aber selbst die hat nicht jeder. Sie dient dann eher dem praktischen Gebrauch, statt einer militärischen Gleichmachung. Das wird unter den verschiedenen Stämmen jedoch unterschiedlich streng gehandhabt. In manchen Stämmen muss jeder die Kluft besitzen und auch tragen. Was aber jeder trägt, auch bei den Leipziger Pfadfindern, ist das Halstuch. Das ist bei Stamm Leo blau-gelb gestreift, und an jedem Pfadfinderhals zu finden. Auch die Abzeichen sind eher ein Bild der amerikanischen Scouts. Hier zu Lande tragen die Pfadfinder höchstens Aufnäher der Lager, in die sie gefahren sind. Sie dienen lediglich als Erinnerung. „Das sind keine Abzeichen für gutes Sägen oder sowas“, schmunzelt die Schülerin.
Am Ende geht es den Pfadfinderstämmen darum, Freunde zu finden, Spaß zu haben und um die sie umgebende Natur.
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