Innenansichten eines Bildungssystems

Bild: Ildiko Sebestyen Photographie

Eine Annäherung im Gespräch. Von Dr. Johannes Bökh und Marcellus Stengel

Revolutionen sind tiefgreifende Veränderungen, die einen Umsturz zur Folge haben. Eine Trägergruppe macht sich aus Unzufriedenheit auf, die Verhältnisse zu verändern. Die Französische Revolution ist die Mutter aller Umstürze und auch im 21. Jahrhundert sind Revolutionen nicht selten. Man denke nur an den Arabischen Frühling. In Deutschland sind Revolutionen in den letzten Jahren dagegen selten. Ja, es scheint als sei nach der politischen Wende 1989/90 alles so geworden, wie es nun nicht mehr verändert werden soll. An tiefgreifende Veränderungen traut sich niemand mehr ran. Dabei gibt es durchaus Bedarf. Erst recht in der Institution, die alle Deutschen besucht haben: Schule. Der Philosoph Richard David Precht fordert eine Bildungsrevolution und ist damit nicht der Einzige. Ja, eigentlich nur einer von vielen. Schule im 21. Jahrhundert basiert im Wesentlichen auf den Grundsätzen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und ist durch den Reformstau in einer Position in der seine Handlungsträger zerrieben werden. Schüler klagen über die zu hohe Belastung in Folge von Blockunterricht und G8, Lehrer unter anderem über eine nach wie vor nicht festgelegte Stellenbeschreibung, die zahlreichen Aufgaben und zunehmende Angriffe von außen. Dazu ist das Kollegium in vielen Schulen überaltert. Der Berufsstand, der vor 100 Jahren noch ein hohes Ansehen genossen hat, ist mittlerweile in der argumentativen Defensive. Doch woran krankt dieses System konkret? Was sind die Probleme und wie kann man sie lösen?

Zwei Leipziger Lehrer, der eine Referendar, der andere langjährig berufserfahren, setzen sich im Gespräch mit ihrem Alltag auseinander und nähern sich den Problemen an. Diesmal dem veränderten Schüler-Lehrer-Eltern-Verhältnis.

Das Gespräch beginnt mit einer Diskussion über die Lehrer-Serie auf SPON und nimmt alsbald Fahrt auf.

Dr. Johannes Bökh: Die gesellschaftlichen Bedingungen fördern das "Einmischen" der Eltern, als müsste man in der Autowerkstatt die Rechnung reklamieren.

Marcellus Stengel: Die Frage ist: Hat sich dieses Lehrer-Eltern-Verhältnis aufgrund des Drucks auf dem Arbeitsmarkt geändert oder durch die gesellschaftlichen Lockerheiten nach der Wende?

Dr. Johannes Bökh: Beides - oder vieles. Einige Eltern spüren auch das nachlassende Engagement der Lehrer, die sich in fachlicher Hinsicht mehr als "Kompetenzentwickler" sehen. In der Gesellschaft jedoch, die einerseits das individuelle Einmischen fordert, andererseits soziale Willensbildungsprozesse hemmt, bleiben viele Einzelkämpfer. Der Lehrer wird angegriffen, kann sich selten auf Solidarität bei seinen Vorgesetzten verlassen. Die rollen auch mit den Augen, wenn er seine Klasse nicht im Griff hat. Also schiebt er die Verantwortung beiseite, macht es prinzipiell nicht anders als die Eltern. Der "hermeneutische Zirkel", das Wirkungsdreieck Lehrer, Eltern, Schüler funktioniert so nicht mehr. Es wird zu einem Spannungsfeld, wo jeder seine individuellen Interessen wahrt. Schule wird zu einem "Verwaltungsakt".

Marcellus Stengel: Aber ist das nicht eigentlich wieder die Arbeit am schwächsten Glied? Anstatt die Grundbedingungen von Schule und die Wichtigkeit von guten Noten generell in Frage zu stellen und sich dort einzumischen, versuchen Eltern den Druck auf den Lehrer zu erhöhen.
Also einmischen ja, aber dort, wo es wenig Arbeit macht und das individuelle Interesse bedient wird.

Dr. Johannes Bökh: Ja, alles andere ist ja kaum zu leisten. Die Moral bleibt auf der Strecke, wenn ich schnell und mit letzter Kraft den Schuldigen ausmache. Die Kinder sind dann nicht anders. Sie mischen sich da ein, wo sie beteiligt sind, übernehmen aber keine Eigenverantwortung. Wir haben vergessen, die Dinge kooperativ und in gemeinsamer Verantwortung zu klären. Einige unverschämte Eltern maßen sich an, die Arbeit der "Profis" beurteilen zu können. Wir bewerten das Falsche und das mit falschen Maßstäben.

Marcellus Stengel: Ist ja bei Schule auch einfach, schlau zu tun. Jeder war mal dort und man hört ja auch von anderen Familien, wie andere Schulen arbeiten. Was hätten Sie denn lieber bewertet, Herr Kollege?

Dr. Johannes Bökh: Kooperationsfähigkeit, Schwächeren helfen, Problembewältigungsfähigkeit, Teamfähigkeit, Lernbereitschaft, Motivationsfähigkeit…

Marcellus Stengel: Das sollten wir bewerten? Dazu bräuchten wir erstmal Zeit, es den Schülern beizubringen.

Dr. Johannes Bökh: Wir verhalten uns wie zu Zeiten des "Manchester-Kapitalismus": Anstatt zu schauen, wie ich meinem Leistungs- und Profitstreben eine moralische Komponente beifüge, pressen wir aus den "Proletariern" - unseren Kindern - immer mehr Fachkompetenzen heraus. Dass die versuchen, dem Druck zu entgehen, die "Maschinen" zu zerstören, muss nicht wundern. Die Eltern, die sich selbst nicht in erfüllenden Tätigkeiten befinden, nehmen ihre "Brut", aber nur die eigene, in Schutz und spielen sich als Anwalt der "Schwächsten" auf.

Marcellus Stengel: Sieht nach keiner einfachen Lösung des Problems aus.

Dr. Johannes Bökh: Nein, das ist es auch nicht. Irgendjemand Schlaues hat mal gesagt, das Problem am Kapitalismus ist an unserer Gesellschaft: Ziehst du nur an einem Strang, kommt das ganze Gebäude in Schieflage.
Gibst du beispielsweise den Eltern mehr Verantwortung, aber der Druck auf dem "Markt" wird größer, werden sie ihre Verantwortung immer verantwortungsloser handhaben und den Lehrern noch mehr Stoffhetze verordnen. Schraubst du die NC´s an der Uni immer höher, bietest aber gleichzeitig das Lehramtsstudium zum Billigtarif an und machst keine Eignungstests, werden immer unfähigere Lehrer an den Schulen herumgurken, die sich dem Druck der Eltern ängstlich beugen. Wir brauchen komplexe Lösungen.

Marcellus Stengel: Passt zu Richard David Prechts Buch: Anna, die Schule und der liebe Gott. Tenor: Wir brauchen eine Bildungsrevolution.

Dr. Johannes Bökh: Ja, unbedingt. Es scheint in diese Richtung zu gehen, aber es braucht ein gesamtwirtschaftliches Umdenken. Der Ansatz ‚Ohne Abitur bist du auf dem Arbeitsmarkt nichts wert und selbst mit, wird es schwer‘ zerstört das Bildungssystem von innen heraus - hier Gymnasium, da Resterampe. Und am Gymnasium rennen notenfixierte Schüler rum, die für Freude, Kreativität und fürs Studieren lernen immer weniger Zeit haben.
Frag doch mal ehemalige Schüler, die Anfang der 90er in meinem Unterricht waren, was zu ihrer Schulzeit anders war. Wir haben Theater gespielt. Heute sagen selbst gutwillige Schüler: "Tut mir leid, aber wir schreiben diese Woche noch drei Klausuren."

Marcellus Stengel: Mir haben Schüler gesagt, sie würden gern mal ein Theaterstück im Englischunterricht proben und aufführen. Die Frage ist allerdings wann ist Zeit dafür und wie verknüpft man das so geschickt, dass am Ende keiner kommen kann: "Sie haben ihren Stoff nicht geschafft."

Dr. Johannes Bökh: Und wenn die Schüler sehen, dass die Lehrer ängstlich dem Stoff hinterherhetzen...
Die Lehrer werden durch solche "Elternaktivitäten" natürlich noch weiter verunsichert. Sie werden nicht bestärkt, alternative Wege zu gehen. Wege, die Zeit und Kraft kosten. Ich war teilweise erschüttert, wie konservativ manche meiner Referendarinnen eingestellt sind. "Ich kann doch wohl erwarten ..." oder aufs traditionelle Lehrbuch verweisen. Weil sie es so lernen und mit geringstem Aufwand, sich stets "absichernd", die Verantwortung für guten Unterricht an die Schüler delegieren. Die erzählen es wiederum ihren Eltern, die es dann genauso machen.

Marcellus Stengel: Was meinen sie, erwarten zu können?

Dr. Johannes Bökh: Dass die Schüler motiviert und mit gemachten Hausaufgaben in die Schule kommen.

Marcellus Stengel: Erwarten kann man es, aber die Realität sieht anders aus. Unterricht 2014 entspricht methodisch möglicherweise nicht den Erwartungen dieser Schülergeneration. Ich denke auch aufgrund des Altersdurchschnitts des Kollegiums. Wobei ich glaube, das eigentliche Problem ist, dass viele Schüler nicht wirklich eine Vorstellung haben, wie es ablaufen kann. Wer kann wie eine Veränderung schaffen?

Dr. Johannes Bökh: Die berühmte "kritische Masse", indem sie die Ideen der Vordenker umsetzt. Die bürgerliche Mittelschicht wird nichts verändern. Sie wird nicht an dem Ast sägen, auf dem sie sitzt. Wir müssen Ideen für eine Gemeinschaft der Bildungsrevolution entwickeln, weiterentwickeln und auf den praktischen Nutzen verweisen. Noch ist das individuelle, konsumorientierte Leben für viele attraktiv. Deswegen werden ja auch viele Lehrer, weil sie das Gehalt attraktiv finden. Das ist ja auch attraktiv. Aber man vereinsamt schnell.
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