Heinz Schneider ist Syrier

Bild: Cesare Stercken

Aber Aziz Al-Ayyoobi ist nicht sein richtiger Name.

3VIERTEL: Wie ist Ihr derzeitiger Status?

Al-Ayyoobi: Ich habe eine Aufenthaltserlaubnis für zwei Jahre. Die läuft Ende dieses Jahres aus, dann muss ich eine neue beantragen. Ich habe ein deutsches Reisedokument, keinen Pass oder Ausweis. Wenn ich zum Beispiel in die Türkei reisen und meine Verwandten besuchen möchte, die zur Hälfte dort leben, dann muss ich einen Antrag stellen. Das ist langwierig, mit Kosten verbunden und kann auch wie gerade, bei meinem letzten gestellten Antrag, ohne Begründung abgelehnt werden.

3VIERTEL: Welche Staatsbürgerschaft haben Sie?

Al-Ayyoobi: Theoretisch bin ich syrischer Staatsbürger, da ich aber seit zirka zwei Jahren keinen syrischen mehr Pass habe, habe ich praktisch nicht die Rechte eines solchen. Ich habe einen Pass im syrischen Konsulat in der Türkei und in Deutschland beantragt, aber nicht bekommen, deswegen besitzte ich momentan lediglich einen befristetes Reisedokument. Diese wurde mir von der deutschen Regierung ausgestellt, damit ich mich auch außerhalb Europas bewegen kann. Das ersetzt aber keine Staatbürgerschaft.

3VIERTEL: Wie war ihre Zeit als Student in Syrien?

Al-Ayyoobi: Ich habe politische Soziale Arbeit gemacht, die Regierung kritisiert und mit anderen eine geheime Zeitung gemacht, die auf kurdisch, englisch und arabisch regierungskritische Texte publiziert hat. Das war verboten in Syrien. Ein Monat nachdem ich dort mitgearbeitet hatte, haben sie alle Mitarbeiter verhaftet. Damals habe ich aber nie meinen richtigen Namen benutzt, daher haben sie mich nicht identifizieren können.

Um 2006 waren wir Studierende in Damaskus Protestler und Kritiker des Systems, eine unbewaffnete Bewegung für die Liberalisierung des Systems.

3VIERTEL: Heute ist der Konflikt bewaffnet.

Al-Ayyoobi: Das ist es, was die Regierung immer wollte. Eine bewaffnete Opposition, die sie militärisch bekämpfen kann. Seit 2007 war das Internet frei zugänglich in Syrien, in Form von Internetcafés zum Beispiel. Trotz der Zensur und der Verfolgung wurde es von jungen Aktivistinnen genutzt. Die Regierung hatte aber keine Erfahrung im Umgang mit Kritik in dieser Form (unbewaffnet, intellektuell, online). Die Dschihadisten und bewaffneten Gruppen gibt es in diesem Konflikt erst seit 2013. Die meisten Anführer dieser Gruppen waren zuvor in syrischen Gefängnissen, wurden amnestiert und damit von der Regierung freigelassen.

3VIERTEL: Was wolltest Du am Anfang Deiner Zeit in der Studentenbewegung?

Al-Ayyoobi: Ich wollte schreiben, Schriftsteller sein. Ich muss schreiben, wie ich will, nicht wie der Staat es gerne hätte. Das hat aber natürlich zu Problemen geführt, denn die ganze Presse und das Verlagswesen wird vom Geheimdienst gesteuert. Angefangen hat es mit fehlender Freiheit im Kleinen, im Privaten. Jetzt ist der Konflikt bewaffnet und alle reden vom Krieg. Das haben aber nicht wir, die Studenten, gemacht.

3VIERTEL: Warum sind Sie aus Syrien geflüchtet?

Al-Ayyoobi: 2008 war ich im Gefängnis. Niemand konnte mir helfen. Meine Familie war in Gefahr. Die Geheimdienstler haben mir über 300 Namen von Aktivisten vorgelegt, die ich verraten sollte. Andernfalls wurde damit gedroht, meiner Schwester oder Mutter Schaden zuzufügen. Ich habe aber keine Namen bestätigt. Das ist wie ein Spiel. Denn wenn ich einen Namen verrate, bestätige ich ja die Anschuldigungen gegen mich. Also habe ich auf Risiko gespielt und den Dummen gemimt. Ich habe immer gesagt, ich weiß nichts und ich habe das nicht gemacht, was man mir vorgeworfen hat. Dabei ist die physische Tortur einfacher zu beherrschen, als die psychologische.

3VIERTEL: Wie ist das abgelaufen, die Befragungen unter Folter?

Al-Ayyoobi: Jeden Tag, von acht Uhr morgens bis um zwölf Uhr nachts, kommen zwei, drei unterschiedliche Personen, die einen befragen. Zuerst wird man geschlagen, beleidigt und bedroht. Es wird gedroht, die Familie zu verletzen. Dann ist man alleine in einem Raum und muss zuhören, wie andere befragt und geschlagen werden, muss die Schreie der anderen mitanhören. Anschließend kommt einer mit einer freundlichen Methode und sagt: „Deine Mutter wird so viel weinen, deine Schwester macht sich Sorgen und sag mir doch, was ich wissen will und lass die Mutter eines anderen weinen dann kannst Du gehen.“

Dann ist man wieder alleine und hört die Gespräche des Geheimdienstes, wie sie planen, andere Menschen zu verhaften. Man macht sich Sorgen und fragt sich, warum man seine Familie so in Gefahr bringt. Aber ich habe das Spiel einen Monat durchgehalten. Dann hat meine Familie den Geheimdienst bezahlt, um mich freizulassen. Aber danach war ich bis 2011 immer unter Beobachtung.

3VIERTEL: Wie ist das abgelaufen?

Al-Ayyoobi: Ich konnte mich nicht bewegen, ohne dass jemand vom Geheimdienst in meiner Nähe war. Also konnte ich meine Aktivitäten nicht weiter machen, meine Freunde nicht treffen, ohne sie zu verraten.

3VIERTEL: Wie konnten Sie Syrien verlassen?

Al-Ayyoobi: Ich bin aus Damaskus weg und war im Norden. Ich habe gewartet, dass ich in die Türkei ausreisen kann. Ich kannte Leute, die Kontakte zur Polizei hatten und dort gibt es natürlich auch Korruption. Und so bin ich über die Grenze gekommen.

3VIERTEL: Wie bist Du nach Deutschland gekommen?

Al-Ayyoobi: Ich habe in Istanbul meine Frau, eine deutsche Frau, geheiratet und konnte somit in Deutschland einreisen.

3VIERTEL: Haben Sie noch heute Kontakt nach Syrien?

Al-Ayoobi: Natürlich. Ich habe auch Kontakt zu meinen Leuten.

3VIERTEL: Glauben Sie, dass in Syrien das Regime gestürzt wird?

Al-Ayyoobi: Wir glauben, Syrien hat den stärksten Sicherheitsapprat und Geheimdienst im Nahen Osten. Und beide sind untrennbar verbunden mit dem Regime. Aber das Ende des Regimes ist klar. Damals war das syrische Regime dabei, seine außenpolitischen Kontakte zu verbessern, man baute auf Stabilität. Heute sind sie isoliert und reagieren sehr verrückt, wie ein sterbender Stier. Das ist keine Grundlage für eine Gesellschaft oder die Führung eines einen Staates.

3VIERTEL: Halten Sie Assad für schwach?

Al-Ayyoobi: Nein überhaupt nicht. Der hat sehr viel Power. Er ist Führer der Regierung und der Armee und ihm wird gefolgt. Allerdings hat er den Punkt verpasst, an dem er mit seinen Kritikern hätte sprechen können, um seine Politik der Gesellschaft und der Zeit anzupassen. Er hat vorgezogen, wie sein Vater schon, mit Druck und Repression die Kritik verstummen zu lassen. Aber das hat nicht funktioniert.

3VIERTEL: Was wollen Sie in ihrer Zukunft machen?

Al-Ayyoobi: Ich wollte ein Studium machen, frei sein und schreiben. In Syrien hat das nicht funktioniert. Also bin ich in den Widerstand zum Regime geraten. Jetzt studiere ich an der Universität Leipzig, gebe aber auch viel Zeit für meine Freunde und studentischen Aktivisten in Syrien. Ich warte auf die Chance, in Syrien etwas zu verändern. Ich kann nicht einfach vergessen und mein Leben genießen. Ich will mein Leben zurück haben. Dafür brauche ich die Nachricht, dass sich in Syrien etwas bewegt. Bis sich dort die Gesellschaft und der Staat verändert haben, wird es aber sicher zehn oder zwanzig Jahre dauern.

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