Vom wildem Heinz zu Tabori

Bild: Ildiko Sebestyen Photographie

Ein Paar und zwei gastronomische Geschäfte.

Von Cesare Stercken

Tabori war ein ungarischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Theatermensch, der „Wilde Heinz“ ist ein in Lindenau beheimateter Ziegenbock. Tabori ist das Theatercafé in Lindenau und der „Wilde Heinz“ das Brachflächen-Freiluftcafé. Beide gastronomischen Geschäfte werden von einem auch privat verbundenen Paar bewirtschaftet: der Kulturwissenschaftlerin Christiane Schulze und dem Dozent für Philosophie Cristian Wirrwitz.

3Viertel: Du bist Dozent in Regensburg, wie oft bist du dort?

Christian Wirrwitz: Ich muss drei Veranstaltungen im Semester halten, wöchentlich ein Seminar. Momentan fahre ich also Dienstagnachmittag fünf Stunden mit dem Zug nach Regensburg, übernachte dort, halte drei Seminare am Stück und dann geht es zum Bahnhof, Musikzeitschrift kaufen und zurückfahren.

3Viertel: Wie entstand diese Verbindung, kommst du aus Regensburg?

Christian Wirrwitz: Nein, aber in der Geisteswissenschaft sieht es momentan so aus, dass es wenig Stellen gibt. In Berlin habe ich studiert und meinen Doktor gemacht, habe da dann die Zelte abgebrochen und bin nach Leipzig gegangen. Hier hatte ich aber keine Aussicht auf eine Stelle und habe mich daraufhin überall im deutschsprachigen Raum beworben. Aus Rücksicht auf meine Kinder wollte ich Leipzig als ‚Home- Base‘ allerdings beibehalten. Das hat sich als schwierig erwiesen und am Ende kam Regensburg dabei heraus. Jetzt pendle ich seit 2010, zwei Jahre läuft die Stelle noch.
Dabei handelt es sich um eine Post-Doktoranten Stelle, sozusagen Wissenschaftlicher Assistent. Als nächstes wäre die Habilitation dran, wenn ich die Karriere weiterdenken würde. Dann könnte ich mich auf eine Professur bewerben, aber das ist nicht mehr Plan A.

3Viertel: Was ist jetzt Plan A?

Christian Wirrwitz: Wenn wir mit den Cafés in Schwung kommen, es gut läuft und wir in zwei Jahren beide davon leben können, dann ist Plan A, so wenig wie möglich in den Cafés zu arbeiten und so viel wie möglich Musik zu machen.

3Viertel: Wie kommt man als Philosoph dazu, ein Café zu betreiben?

Christian Wirrwitz: Wahrscheinlich weil man viel Zeit in Cafés verbringt (lacht).
Christiane hatte immer den Traum ein Ballhaus aufzumachen, das funktioniert nicht von jetzt auf gleich. Wir waren jahrelang in Cafés und haben Dinge gesammelt, die wir besser machen würden. Man hat ja bestimmte Vorstellungen, hält sich gern in Cafés auf, das hat etwas von Lebensqualität. Es hat auch im weitesten Sinne einen kulturellen Aspekt. Nämlich den, dass man gern in Cafés sitzt und seine Zeit dort verbringt. Darum finde ich es wertvoll, die Umgebung schön zu gestalten.
Dann hat Christiane mit dem Wilde Heinz angefangen und als Partner kann man sich dann überlegen, ob man sagt ‚hör auf- funktioniert eh nicht‘ oder einfach mitmacht. Beim Wilden Heinz habe ich mich um Sachen wie Facebook gekümmert habe. Aber ansonsten wollt ich damit erst mal gar nichts zu tun haben. Es ist für die Beziehung einfach gefährlich, wenn man privat viel Zeit miteinander verbringt und dann auch noch beruflich zusammenarbeitet. Das ist eine Falle ich die ich nicht ein zweites Mal tappen wollte. Aber jetzt bin ich voll reingetappt.

3Viertel: Jetzt habt ihr ein zweites Café aufgemacht - das Theatercafé am Lindenauer Markt. Ein fast verbrannter Standort?

Christian Wirrwitz: Klar, es ist ja immer Glückssache. Wenn du nicht richtig viel Geld mitbringst, brauchst du einfach Glück, Freunde die mitmachen, Glück die Leute zu erreichen, denen das gefallen könnte, Glück mit der Entwicklung am Standort. Am Lindenauer Markt zum Beispiel hängt es davon ab, welche Menschen hinziehen. Es gibt bei vielen jetzt den Impuls Richtung Lindenau zu ziehen. Man kann schon optimistisch sein, dass es jetzt mehr und mehr Leute geben wird, die in den Laden kommen würden. Aber das ist nur ein Aspekt. Der andere Aspekt ist, ob es mit den Menschen hinhaut, mit denen man dauerhaft zu tun hat. Ob es auch den Theaterbesuchern des LOFFT und dem Theater der jungen Welt gefällt. Wir haben von Beginn an gesagt, wenn wir das machen, dann machen wir es auch auf jeden Fall als Theatercafé.

3Viertel: Gibt es einen philosophischen Anspruch? Deinen Plan A mit dem jetzigen Plan B zu verbinden?

Christian Wirrwitz: Nein, die Verbindung wäre zu konstruiert. Mein Anspruch war, dass wenn ich das mache, es eine Oberflächenästhetik haben soll, die mir zusagt. Die Musik beispielsweise die läuft, die muss mir gefallen, die Bilder die an der Wand hängen müssen mir gefallen. Das ist das einzige wovon ich sage, das ist eine Art von Selbstverwirklichung. Aber nicht philosophischer Natur.

3Viertel: Ihr wollt im Café auch Kultur machen. Spielst du dann selbst wöchentlich Musik?

Christian Wirrwitz: Wir haben einige Sachen schon begonnen. Beispielsweise eine Konzertreihe “TAB“, die einmal im Monat stattfindet. Das lief die letzten Male schon sehr schön und wird fortgesetzt. Mittwochs gibt es immer einen Jazzabend, mit Raymond Romanos vom Kaffee Schwarz. Der Zulauf ist aber undurchschaubar.

3Viertel: Wie lang ist eure Pacht noch sicher?

Christian Wirrwitz: Wir haben jetzt einen Pachtvertrag mit einer beidseitigen Kündigungsfrist von einem Jahr, also so schön wie man es sich nur wünschen kann. Der Eigentümer ist da super nett.

3Viertel: Was ist der Wilde Heinz für dich?

Christian Wirrwitz: Das kann ich so allgemein gar nicht sagen. Für mich privat, habe ich eine kleine verrückte Freundin, die verrückte Pläne hat, die sie einfach durchzieht. Ich find‘s total cool, dass das funktionieren kann. Ich mein, ein Ziegenbock in der Stadt! Total bekloppt eigentlich. Aber sie hat es durchgezogen und war sich auch immer sicher, dass das schön wird. Der Ziegenbock war ihr auch immer wichtiger als das Café. Und für mich ist das die Bestätigung, dass wenn du eine verrückte Idee und Bock darauf hast, dann ziehst du das auch durch.

3Viertel: Wo kommt die Ziege eigentlich her?

Christiane Schulze: Aus Dessau. Über den Tierpark Dessau kamen wir auf die Idee mit den Tieren.

3Viertel: Gelernt hast du etwas ganz anderes, wieso machst du jetzt solche Dinge?

Christiane Schulze: Die Idee mit Kulturmanagement weiterzukommen hat automatisch dahin geführt, dass man zu einem Eventmanager wird. Weil das die Dinge sind mit denen man Geldverdienen kann. Und ich fand es dann schöner für mich selbst Veranstaltungen zu planen.
Heinz kam ganz zufällig in unser Leben. Was gibt es schöneres als für ein brach liegendes Grundstück einen Ziegenbock in die Stadt zu holen? Das ist doch total naheliegend. Ich verstehe gar nicht, warum das nicht auch für die anderen so klar ist. (lacht)
Die Gastronomie war ursprünglich gar nicht unser Ziel

3Viertel: Wie ist das als Paar zusammen zu arbeiten und zu leben?

Christiane Schulze: Ich glaube, wenn man nicht aufpasst, spricht man irgendwann nur noch übers Geschäft und das ist tödlich. Darum treffen wir dann die Abmachung, heute Abend fällt kein Wort über die Arbeit und die Handys werden ausgemacht.
Die Beziehung muss, wie auch bei gemeinsamen Kindern, unabhängig von der Familie oder eben in dem Falle, von der Arbeit, gepflegt werden.

Christiane Schulze: Manchmal hab ich Angst, dass das gar nicht mehr geht, sich selbst zu pflegen. Man baut seine Welt so sehr um das Thema Arbeit und Organisation, dass man die anderen Aspekte gar nicht mehr wiederfindet.
Solange man aber noch unterscheiden kann, ob ein Streit jetzt aus dem beruflichen Stress heraus entsteht oder davon unabhängig, kann man dem noch ganz gut entgehen. Man muss nach und nach auch üben ein Team zu werden und die Themen miteinander zu behandeln. Ein Team das gemeinsam das Problem durchgeht, diskutiert, entscheidet und Lösungen angeht. Das gelingt in vielen Punkten, aber je gestresster und je schneller diese Punkte durchgegangen werden, desto schneller schwindet auch mal die Sachlichkeit. Aber bisher gab es immer einen der irgendwann nachgibt und es kommt zu einem Kompromiss ohne dass einer verletzt wird.
Wichtig ist auch, dass man für das Projekt, als Paar die gleiche Begeisterung hat.
...
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