Staunen hervorrufen

Bild: Ildiko Sebestyen Photographie

Leipzigs Zirkusszene braucht einen Platz zum Bleiben. Von Pauli Grünbaum

Das Wort Zirkus bezeichnet primär einen Ort, einen Kreis, in dem sich Artisten präsentieren. Bereits in antiken Amphitheatern produzierten sich Schauspieler in der Manege. In Rom wurden im Circus Maximus wilde Wagenrennen ausgetragen und über die fahrenden Gaukler des Mittelalters kommt man letztendlich zu den Wanderzirkussen der Gegenwart. Doch Zirkus will nicht immer nur wandern. Die Leipziger Zirkusszene sucht einen festen Ort, an dem sie spielend schaffen kann. Wie das gehen soll, was dafür gebraucht wird und was Zirkus heute überhaupt bedeutet, darüber hat 3VIERTEL mit Anne Kauer von Zirkomania gesprochen.


3VIERTEL: Warum braucht Leipzig ein „Zirkuszentrum“? Welche Ziele sind damit verbunden?

Mit den beiden vergangenen Zirkomania-Zirkusfestivals haben wir im kleinen Rahmen erlebbar gemacht, welche Anziehungskraft und welchen Aufforderungscharakter ein solcher Ort, nicht nur für die AnwohnerInnen aller Generationen sondern auch über die Stadt, die Region und sogar über Deutschland hinaus, hat. Die Stadt kann von der internationalen Vernetzung der Zirkusszene profitieren. Eine Zirkusschule wäre perspektivisch auch denkbar, von der wiederum das Krystallpalast Varieté profitieren könnte, nicht nur im Sinn von artistischem Nachwuchs, sondern auch hinsichtlich eines interessierten jungen Publikums.
Leipzig ist nicht zuletzt durch seine zentrale Lage in Europa und die Nähe zu Berlin ein geeigneter Ort für ein Zirkuszentrum.
Wir haben die Initiative Zirkomania aus einem konkreten Bedarf heraus gegründet. Junge Erwachsene fragen nach Zirkusfreizeitangeboten, Bewegungskursen mit künstlerischem Aspekt. Eltern sind für ihre Kinder auf der Suche nach kontinuierlichen Angeboten mit hoher Qualität und durchdachtem Konzept, die die motorische, psychomotorische und soziale Entwicklung fördern. Sie suchen einen stabilen, langfristigen, geschützten Rahmen und zugleich eine spannende Herausforderung, an der sich die Kids immer wieder selbst testen können. Zudem erweist sich die Zirkuspädagogik als äußerst erfolgreiche Methode im Umgang mit den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen, zur Begegnung von Gewalt, sprachlicher und sozialer Ausgrenzung und systematischer Bildungsbenachteiligung. Unser Ziel ist die Förderung von Bildung, Kunst und Kultur sowie der Jugendhilfe nach folgenden Grundsätzen: Menschen verschiedenster Hintergründe und Generationen ansprechen und aktiv einbinden, Förderung von Solidarität und Toleranz, von Kompetenzen und Fähigkeiten, von Selbstorganisation und Eigenverantwortung, gesellschaftliche Partizipation und aktive Mitgestaltung. Wichtig ist uns die Sensibilisierung für und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Problematiken. Wir wollen zu gemeinschaftlichem Lernen und Handeln motivieren, das auf den vielfältigen individuellen und sozialen Ressourcen und Fähigkeiten der Menschen unserer Mitwelt aufbaut.

Neben der kontinuierlichen pädagogischen Arbeit besteht die Möglichkeit internationaler Festivals. Beispielsweise könnten wir in nächster Zukunft die Europäische Jonglierconvention (EJC) hierher bringen.

3VIERTEL: Was benötigt ein Zirkuszentrum konkret?

Wir brauchen einen Standort, der eine ebene, unbefestigte Fläche für ein großes Zirkuszelt aber auch für Zirkuswagen bietet. Zugleich werden Gebäude für sanitäre Anlagen und Büroräume sowie Lagerräume oder –wagen benötigt. Als zentralen Bestandteil brauchen wir natürlich ein großes Zirkuszelt und evtl. ein oder zwei kleine Backstagezelte.

3VIERTEL: Wieviele Akteure sind an dem Konzept beteiligt?
Im Kern die beiden Initiativen Zirkomania und Sorcas Quircas. Für konkrete Nutzung des Ortes interessieren sich der Alle Mitmischen e. V., der Artistenkombinat e. V. und weitere Organisationen und vor allem Kindertagesstätten und Schulen, die gern zu Workshops vorbeikommen würden.

3VIERTEL: Wie soll das Vorhaben finanziert werden?

Ein Zirkuszelt soll mit Mitteln aus der nächsten Crowdfunding–Aktion gekauft werden.
Für eine stabile dauerhafte Förderung einer oder mehrerer Planstellen für einen noch zu gründenden Verein werden gerade Kontakte geknüpft und Förderprogramme recherchiert.

3VIERTEL: Wie ist der zeitliche Rahmen für die Realisierung des Projekts?

In diesem Jahr soll ein Standort gefunden werden, an dem bereits punktuelle Aktionen stattfinden, und ein Zelt gekauft werden, das für einzelne Veranstaltungen aufgestellt wird.
Im nächsten Jahr soll erstmals ein Zelt für eine ganze Sommersaison stehen bleiben können.
Die Zirkomania – Kinderzirkuswochen 2015 sollen dort bereits stattfinden können.

3VERTEL: Wie groß ist Leipzigs Zirkusszene?

Es gibt eine breite jugendkulturelle Szene von FeuerspielerInnen und JongleurInnen bzw. Swinging- und Spinningszene, die sich regelmäßig in Parks und in der Juggle Hall in der Südvorstadt trifft. Es gibt ein bis zwei Dutzend in Leipzig wohnhafte freischaffende ArtistInnen, dazu kommen die vielen Zirkus-, Tanz-, Bewegungs-, Musik- und TheaterpädagogInnen, die sich in konkreten Zirkusprojekten engagieren und gern perspektivisch dort ihr Arbeitsfeld erweitern würden.
Es gibt die angrenzende Freizeit-, Unterhaltungs- und Eventkultur, wie zum Beispiel das Bimbo Town, den Zoo Leipzig und andere, die regelmäßig Artisten für ihre Veranstaltungen anfragen. Wir sehen auch das Potential der Wanderzirkusse und Varieté-ArtistInnen, die in Leipzig gastieren und gern nebenbei unterrichten und ihre Künste vermitteln.

3VIERTEL: Was unterscheidet den heutigen Zirkus von dem eines Zirkus Probst beispielsweise? Welche Aspekte stehen heute im Mittelpunkt?

Heute stehen verschiedene Angebote nebeneinander. Es gibt nach wie vor die großen Touring Circusses, die durchaus häufig die technisch fortgeschrittensten artistischen Leistungen präsentieren.
Daneben hat sich eine wesentlich nüchternere sozialkritische Strömung entwickelt, weniger kitschig, dafür mit Fokus auf Inhalte, Themen, Aussagen. Beiden gemeinsam ist trotzdem das Ziel, Staunen hervorzurufen.

3VIERTEL: Was ist das besondere am Phänomen Zirkus? Was leistet Zirkus im gesellschaftlichen Rahmen?

Zirkus gibt Raum für Träume, für Kreativität, für Phantasie, die einer Gesellschaft sehr gut tun. Kunst, Poesie, Musik, Ausdruck sind menschliche Grundbedürfnisse und ein Mangel daran führt zu psychischen Schäden, dazu, dass eine Gesellschaft verkümmert. Daneben greift der heutige Jungendzirkus die gesamte Bandbreite gesellschaftlicher Problematiken auf, bearbeitet sie einerseits mit den Jugendlichen gemeinsam künstlerisch, aber tritt als Einrichtung auch mit sozialen und gesellschaftlichen Zielen an.

3VIERTEL: Wie ist Euer Standpunkt zur Tierdressur?

Tiere artgerecht zu halten erfordert 24 Stunden Aufwand und räumliche Bedingungen, die weit über unsere Ressourcen hinausgehen und unserer Meinung nach auch über die Ressourcen der Wanderzirkusse. Wir erkennen an, dass es einzelne KünstlerInnen gibt, die im Einklang und auf liebevolle Art und Weise mit Tieren zusammenleben und arbeiten, meist mit Hunden. Es ist aber nicht unser Ziel, einen Zirkus der Attraktionen aufzubauen, sondern wir verfolgen das oben beschriebene gesellschaftlich engagierte Modell des Zirkus, das sich mit dem Menschen und seiner Entwicklung, Sozialisation und gesellschaftlichen Einbindung beschäftigt.
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