Nicht notwendige Möglichkeit

Bild: Klara Schwalbe

Wie ein Kollektiv zur Kunst kommt.

Von Pauli Grünbaum

Dass der Künstler ausschließlich im Verborgenen arbeite, ist eine romantisch verklärte Annahme, die sicherlich reizvoll ist, jedoch der Realität des kreativen Schaffens immer auf's Neue widerspricht. Ist es doch gerade der Austausch, die Kommunikation mit anderen, gern auch kunstfernen Individuen, die eine zweite Ebene in den Schaffensprozess hineinbringt und das Werk reflektiert, so dass Impulse aus anderer Richtung es ergänzen.
Zu solchem Zweck haben sich Künstler aller Generationen in bestimmten Gruppen zusammengefunden, um gemeinsam eine Schule zu bilden, sich ein Programm zu geben und im besten Fall Epoche zu machen. Ein Anspruch auf Geltung der eigenen Sichtweise, die dem Gegebenen zumeist entgegensteht, ist ein nicht ganz unwichtiger Bestandteil der Idee.

Die Geschichte der Künstlerkollektive hat Namen gezeitigt wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Zu nennen wäre beispielsweise Die Brücke in Dresden oder die Wiener Sezession. Auch in der Literatur finden sich solche Beispiele. Die Gruppe 47, mit Vertretern wie Peter Handke oder Paul Celan, ist in diesem Zusammenhang sicherlich die populärste.
Wer denkt, dass solche Vereinigungen in eine abgelebte Zeit gehören und in unserer Gegenwart keinen Platz finden, der irrt. Gleich neben der 3VIERTEL-Redaktion befindet sich eine große, vor ein Fenster gebaute Plakatwand, die seit Neustem Farbe trägt. Auch Worte wie Spielen, Anderssein, Kontingenzia ergänzen die Collage, die von einer Künstlergruppe an einem sonnigen Samstag im April kreiert wurde. Die Letzte Kontingenz lautet der Name der neunköpfigen Gruppe. Der etwas mächtig anmutende Name, dem auch ein gewisses Pathos nicht abzusprechen ist, entpuppt sich dann doch als etwas völlig Anderes.
Ganz lapidar ist Kontingenz (lat. contingere) mit „sich berühren“ zu übersetzen. In der Philosophie bezeichnet der Begriff eine Nicht-Notwendigkeit, deren Möglichkeit allerdings besteht.
Der Namen ist für das Kollektiv ein Entwurf, der am Ende auch anders ausgehen könnte und somit wieder selbst kontingent ist. Möglich ist alles, notwendig nichts.
Einer der wichtigsten Faktoren der Gruppe, die sich kein Programm gegeben hat, ist das prozesshafte Sich-Entwickeln der Einzelnen in der Zusammenarbeit mit Anderen.
Dieser Umstand war auch der Impulsgeber der Zusammenkunft, um im Diskurs Kräfte freizusetzen und herauszufinden, was passiert, wenn man zusammen etwas schafft.

Ob das Werk im Vordergrund steht oder der Prozess am Ende wichtiger ist, ist innerhalb der Gruppe noch nicht so ganz geklärt – muss es vielleicht auch gar nicht. Steht auf der einen Seite das Tun ohne konkretes Ziel, ist das Werk am Ende doch das Aushängeschild der Gruppe, mit dem es in den öffentlichen Raum hinein kommuniziert.

Weit weg vom Mysterium der elitären Kunst möchten die Mitglieder der Gruppe, die nicht alle Künstler sind (das sei ausdrücklich erwähnt), ihrer öffentlichen Leidenschaft nachgehen. Denn Öffentlichkeit, besser öffentlicher Raum ist ein weiterer Pfeiler, auf dem sich das Gruppenverständnis gründet, ein Fixpunkt des Wirkens. Nach außen sollen die Werke getragen werden, mit dem nötigen Vertrauen, die Dinge mit der je individuellen Handschrift zu bezeichnen und im besten Falle mit der Umwelt in Kommunikation zu treten. So geschehen an der Plakatwand. Wer heute aufmerksam daran vorbeischreitet, der kann sehen, dass sich zu dem Gemalten Geschriebenes gesellt hat, dass nach Fertigstellung der Collage erst hinzukam – sekundäre, verzögerte Kommunikation entsteht auch über das gesprochene Wort und die Gruppe hinaus. Hier mischen sich die Phasen und Sphären, Grenzen brechen und richten sich neu wieder auf, um erneut erkundet zu werden.
Überhaupt ist Mischung ein willkommenes Wort für die Beschreibung dieser Zusammenkunft von bildender und angewandter Kunst, aber von Nicht-Kunst mit der Kunst im Allgemeinen. Jene, die mit der Kunst zuvor nur in einem sehr fernen Verhältnis im Kontakt standen, begleiten innerhalb der Gruppe die Prozesse in ihrem Entstehen und können andere Denkprozesse ergänzend hinzufügen, die durch die Brille des Künstlers gefiltert würden.
Und wo gemischt wird, entstehen Turbulenzen, gerät etwas in Bewegung, was aneinandergeraten kann. Konflikte sind das Resultat, die nicht als Problem verstanden werden. Im Beisammensein gibt es immer auch Distanz, die sich im Prozess auflösen kann, oder eben auch nicht. Kontingent eben!

Beschaut man sich die Ansammlung der verschiedenen Personen länger, entsteht schnell der Eindruck einer Mikrogesellschaft, die durch ihr heterogenes Wesen im Inneren ein interessantes Potential bildet.
Liebenswert naiv, impulsiv, geöffnet, fern jeder Programmatik und Schule, verspielt, dem Kinde gleich, das Nietzsches Zarathustra den Neubeginn im Spiel des Schaffens nannte... all das ist die Letzte Kontingenz, deren Möglichkeit am Ende doch irgendwie notwendig erscheint.

Die Letzte Kontingenz sind: Franziska Möbius, Casandra Scarsgaard, Christina Reiter, Mary Meerjungfrau, Felix Pfuhler, Detlef Hobbiebrunken, Marcel Happich, Daniel Winterscheid, Klaus-Peter John, Donough McNamara
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