Vom Hofnarren zum TV-Comedian

Ein Kommentar zum Wert der Heiterkeit.

Von Frank Willberg

Lachen soll gesund sein. Wir aktivieren dabei schlappe 300 verschiedene Muskeln zwischen Bauch und Scheitel. Und Neurologen – egal ob ernste oder heitere – betonen, dass nach einem Lachanfall laut amerikanischen Studien Kortison und andere Stresshormone abgebaut werden. Der Körper entspannt sich, der Blutdruck sinkt. Schmerzempfinden und trübe Gedanken verflüchtigen sich. Das im limbischen System ausgelöste Gelächter soll sogar das Immunsystem stärken. Auch, wenn wir uns nur aus Schadenfreude auf die Schenkel klopfen.

Dennoch habe ich Schwierigkeiten, mir einen herzhaft lachenden Steinzeitmenschen am Lagerfeuer vorzustellen. War sein Leben nicht zu hart und zu kurz, um Zeit auf breites Grinsen zu verschwenden? Anders gesagt: Ist Heiterkeit nicht vielleicht eine kultivierte und institutionalisierte Attitüde, die mensch sich leisten muss, die quasi zu erlernen ist?

Heutzutage quillt das Fernsehen über vor beschwingten Comedians, die alles Erdenkliche ins Komische ziehen. Ansteckende Freude im Alltag mag selten sein. Aber die Enkel von Hallervorden und Otto muten an wie eine veritable Plage, da ihre Späße auf bloße Unterhaltung ohne Tiefgang zielen – zumindest, wenn mensch das hochpolitische Kabarett, vor allem aus DDR-Zeiten, schätzen gelernt hat.

Andererseits lehrt uns die Figur des Clowns den Wert der unterhaltsamen Komik. Bereits im 16. Jahrhundert diente der Clown – vom englischen „Tölpel“ oder lateinischen „Bauerntölpel“ – als Heiterkeit versprühender Pausenfüller in englischen Theaterstücken. Im deutschen Raum füllte diese Rolle der Hanswurst aus, im Italienischen der Pedrolino.

1816 führte der Pantomime Jean-Gaspard Deburau die Figur des Pierrot auf französischen Jahrmärkten ein. Stumm war Pierrot eigentlich nur, weil dieses Theater keine Zulassung für Sprechstücke hatte. Aber der weiß geschminkte, traurige und Mitgefühl erregende Pierrot wurde weltberühmt. An dieser Stelle muss auf seine charakteristische Rolle in „Kinder des Olymp“ – dem anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Kino zum schönsten Film aller Zeiten gewählten Streifen – verwiesen werden.

Seine historischen Vorgänger offenbarten im Gegensatz zur naiv-positiven Natur des Pierrot deutlich ungehobeltere Züge, zum Beispiel der Harlekin. Diese kostümierte Dienerfigur riss durchaus derbe Späße, legte bisweilen auch eine regelrecht dämonische und obszöne Art an den Tag. An erster Stelle war er natürlich ausgelassen lustig und schlagfertig.

Hier gibt es eine Ähnlichkeit zum Narren. Ebenso stellt sich die große Frage nach der Moral und Ernsthaftigkeit der Heiterkeit. Der alte Johann Christoph Gottsched hielt die Späße des Harlekin beziehungsweise Hanswurst für anarchisch und den geordneten Bahnen der Komödie zuwiderlaufend. Auch seine sexuellen Anzüglichkeiten vertrügen sich nicht mit einer moralischen Darstellung. Zu Zeiten der Aufklärung verschwand die Figur tatsächlich eine Weile von der Bühne, was aber beispielsweise in Wien umgehend auf Widerstand stieß.

Aber zurück zum Narren, der bis heute Tollpatschigkeit repräsentiert. Selbstverständlich sorgt er für Belustigung, ist aber auch selbst eine lustige, weil nicht ernst zu nehmende Erscheinung. Er agiert am Rande des Wahnsinns – eine Position, die ihn, wie auch andere Spaßvögel, privilegiert. Denn der Narr ist zu dumm, um dafür bestraft zu werden, dass er in seiner Rolle der zeitgenössischen Literatur, den Herrschenden, der Öffentlichkeit, ihren Diskursen und den momentanen Sitten schonungslos den Spiegel vor's Gesicht hält.
Er kommentiert, moralisiert, er spricht auch die unterdrückte Wahrheit aus und nimmt so Einfluss auf Hof, Publikum und Gesellschaft. So muss auch das Narrenschiff von Sebastian Brant gelesen werden, eine Moralsatire aus dem Jahr 1494, die sozusagen DER deutsche Bestseller bis zur Reformation war. Unterhaltsame Satire diente Brant und seinen Narren als Vehikel, menschliche Fehler kritisch zu beleuchten. Teil des Erfolges des Buches waren wahrscheinlich auch seine Illustrationen – womöglich als Ersatz der Bühnenfigur.

So gesehen haben Clown, Comedian und Komiker meist wenig mit Narren gemein. Wenn sie auch nicht unserer persönlichen Reifung dienen, tragen sie zumindest zu unserem Wohlbefinden und unserer Gesundheit bei. Und funktional soziologisch betrachtet steuern alle genannten Figuren – ob als Ventil, Zeigefinger oder Hormonregler – zum gesellschaftlichen Frieden bei.
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