Das Zufallsprinzip

Bild: Ildiko Sebestyen Photographie

Gerade mal seit zwei Jahren ist Helena Mohr in Leipzig und beschäftigt sich gleich mit den harten Ecken der Stadt. Die gebürtige Bayerin kommt aus einem Dorf in Unterfranken. Sie wohnt in der GutsMuthsStraße und schreibt einen Blog über die Georg-Schwarz-Straße.
Von Cesare Stercken

3VIERTEL: Was wollten Sie werden, als Sie Kind waren?

Helena Mohr: Lehrerin. Ich wollte immer anderen Menschen was beibringen und habe schon immer gerne und viel geredet.

3VIERTEL: Sie haben stattdessen eine Ausbildung bei H&M gemacht?

H.M.: Ja, das war aber eher Zufall. Ich habe einfach geschaut, was es gab und die Bewerbung für eine Ausbildung bei H&M zur Handelsfachwirtin in Schweinfurt angefangen. Ich bin dann nach Würzburg gezogen und später habe ich den Süden verlassen und in Hamburg gelebt.

3VIERTEL: Wie sind Sie nach Leipzig gekommen?

H.M.: Das war auch Zufall. Ich hatte bei H&M keinen Spaß mehr und wollte was anderes machen. Ich habe dann ständig nach Studienplätzen und Möglichkeiten Ausschau gehalten, etwas anderes machen zu können. Ich hatte zeitweise täglich mehrere Ideen, was ich alles machen könnte. Nachdem ich mir verschiedene Studiengänge angeschaut hatte, bewarb ich mich in Trier, Hamburg und Leipzig für Kommunikationswissenschaften. Genommen hat man mich dann in Leipzig. In Hamburg haben alle immer gesagt, dass sie, wenn nicht in Hamburg, dann in Leipzig leben wollen würden.

3VIERTEL: Sie sind gleich in der GutsMuthsStraße gelandet. Nicht gerade eine schöne oder hippe Straße.

H.M.: Als ich in Leipzig eine Wohnung gesucht habe, habe ich das über das Internet gemacht. So habe ich, ohne jemals in Leipzig gewesen zu sein, ungesehen eine Wohnung in der GutsMuthsStraße angemietet. Als wir ankamen sagte ich zu meiner Mutter: „Gar nicht so schön hier“. Die sagte dann: „Nee, grottenhässlich“. Mittlerweile finde es aber gut dort und ich will derzeit auch nicht weg.

3VIERTEL: Sie machen einen Blog über eine Straße im Leipziger Westen, die bei den meisten Menschen eher eine tiefe Abneigung auslöst. Eine enge unwirtliche Straße, die eigentlich nur durch kaputte Häuser, Trinker und Nazis auffällt. Hier kann man ein Bier „to go“ kaufen. Überhaupt scheint hier jeder zweite ständig eine Bierflasche mit sich zu tragen. Was fasziniert Sie an der Georg-Schwarz-Straße (GSS)?

H.M.: Ich bin in der GSS zur Post gegangen. Die Post habe ich dann immer Party-Post genannt, weil dort viele Menschen herum standen und Bier tranken. Meine Logopädin, die auch in der Georg-Schwarz-Straße ist, hat mir gesagt wie schlimm es dort ist, wegen der ganzen Einbrüche und der betrunkenen Menschen.
Im Zuge meines Studiums wollte ich mich mit den Wächterhäusern beschäftigen. Ich habe mich dann aber auf das Fundbuero in der GSS konzentriert. Das Thema hieß am Anfang: Eine Straße hilft sich selbst. Dann habe ich aber herausgefunden, dass dort große Summen an Fördergeldern vergeben werden und ich habe das Thema umbenannt. Der neue Titel lautete: In der Georg-Schwarz-Straße tut sich was.

Nach der Hausarbeit wurde ich vom Magistralenmanagement gefragt, ob ich nicht weiter machen möchte. Daraus ist dann der Blog entstanden, von dem ich anfangs dachte, den lesen eh nur meine Schwester, meine Mutter und ich.

3VIERTEL: Und gibt es weitere literarische Ambitionen, die Sie verfolgen?

H.M.: Vor meinem Studium wollte ich mal zum Radio. Ich habe bei Mephisto (Leipziger Uni-Radio) mal etwas eingesprochen. Das passt aber mit meiner Stimme nicht.

3VIERTEL: Leben Sie nach dem Zufallsprinzip? Wenn man hört wie viele Entscheidungen Sie in Ihrem Leben schon spontan gefällt haben, drängt sich diese Frage auf.

H.M.: Ich verlasse mich auf meinen Bauch, und habe eigentlich nie falsch gelegen. Das ist immer noch so. Ich habe ein Vertrauen ins Leben.
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