Leben ist Bewegung

Bild: Maria Schüritz

Maria Schüritz ist 27 Jahre alt und in Leutzsch aufgewachsen. Sie hat in Leutzsch die 57. Grundschule besucht und anschließend in Lindenau das Robert-Schumann-Gymnasium. Sie ist in den Bands Funky Zebra, Damario und mit dem Soloprojekt Looped SoulSongWriting musikalisch aktiv. Bei der Kulturwerkstatt KAOS ist sie groß geworden. Sie war Kurskind, Praktikantin, ehrenamtliche Mitarbeiterin und schließlich ist sie seit 2011 für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Zudem ist sie Initiatorin des KAOS-Kultursommers.
Von Cesare Stercken

3VIERTEL: Wie war es damals in Lindenau?

Maria Schüritz: Lindenau war als Viertel ein bisschen gruselig. Die Schule war eine Insel. Wir waren immer froh in der Straßenbahn zu sitzen. Heute ist es freundlicher und offener geworden.

3VIERTEL: Wie war Ihre Schulzeit?

Maria Schüritz: Ich bin Linkshänderin und meine Kindergärtnerin hat das meiner Mutter mitgeteilt, darauf zu achten, dass das nicht umgewöhnt wird. Ich habe mich total auf die Schule gefreut als Kind, aber kam dann immer heulend nach Hause, weil mir der Stift immer in die rechte Hand gedrückt wurde.
Danach war ich auf dem Robert-Schumann-Gymnasium, das stark musisch orientiert ist. Ich war in einer Schulband und wir haben auch mal auf dem Lindenauer Markt gespielt. Das war gut und hat Spaß gemacht.

3VIERTEL: Heute leben Sie in Schleußig?

Maria Schüritz: Es wird ja oft behauptet, dass dort die Ökofaschisten leben. Ich fühle mich aber wohl zwischen diesen Menschen, die in der Lage sind, miteinander offen und freundlich zu kommunizieren. Als ich mal in Plagwitz wohnte und regelmäßig in der Elsterpassage einkaufen ging, fand ich das nicht so lustig.

3VIERTEL: Was haben Ihre Eltern gemacht?

Maria Schüritz: Mein Papa arbeitet schon seit gefühlten hundert Jahren im Museum für Völkerkunde. Meine Mutter hat in Verlagen gearbeitet und gibt heute Computerkurse für Migranten.

3VIERTEL: Sind Sie Einzelkind? Wie war Ihr Elternhaus?

Maria Schüritz: Ich habe einen kleinen Bruder, der mittlerweile größer ist als ich. Wir wurden kulturell viel gefördert. Ich bin schon 1992 im KAOS gewesen. Ich war zunächst im Zeichenzirkel, dann habe ich ganz lange getöpfert und getanzt. Ich war auch in einer Tanzschule, hatte seit der dritten Klasse Gitarrenunterricht und ich war im Chor.


3VIERTEL: Warum haben Sie nicht später Kunst oder Musik studiert?

Maria Schüritz: Ich habe auch früher nie gedacht, dass ich Kulturpädagogin werde. Ich wollte aber mal Gesang studieren, habe aber beobachtet, dass dort die Emotionalität verloren geht, wenn die Stimmen so geschliffen werden. Ich komme selbst vom Blues, ich mag diese Rohheit, das ist mir wichtig. Es darf auch mal schief klingen. Alle Musiker, die ich bewundere, haben niemals Gesang studiert. Denen wird nachgesagt, dass sie ihre Stimmen kaputt machen, aber das machen die seit 40 Jahren und zwar ganz fantastisch.
Ich habe eine Weile lang kommerzielle Auftritte als Sängerin gemacht. Dort hat sich kein Schwein darum geschert, dass ich mir die Seele aus dem Leib schreie, das hat mich sehr verletzt. Deshalb will ich auch nicht abhängig davon sein, die Lieder, die alle kennen und hören wollen, singen zu müssen. Ich will die Lieder singen, die mich bewegen.

3VIERTEL: Wie kam es dann zu der Entscheidung für Kultur- und Medienpädagogik?

Maria Schüritz: Mein damaliger Freund, der selbst Sozialpädagogik studierte, hat mir dazu geraten. Ich habe mich dort blind eingeschrieben und während des Studiums gemerkt, dass mir das wirklich total liegt.


3VIERTEL: Sie sind in den Bands, Funky Zebra, Damario und ihrem Solo-Projekt Looped SoulSongWriting aktiv, Mitarbeiterin fr Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im KAOS, Initiatorin des KAOS-Kultursommers und bieten auch selbst Kulturpädagogische Angebote im KAOS an. Wann schlafen Sie?

Maria Schüritz: Nachts. Ich arbeite sehr effektiv, sehr schnell und mache auch keine Pausen. Ich gebe immer 120 Prozent, deswegen schaffe ich es, genügend zu schlafen. Aber ich merke teilweise schon, dass es gut täte, manchmal einen Gang runter zu schalten.

3VIERTEL: Schaffen Sie Ihren Tagesplan abzuarbeiten?

Maria Schüritz: Nein, das ist einfach so viel. Wir sind auch zu wenige im KAOS um dieses große Projekt adäquat bespielen zu können. Früher haben hier zwölf Festangestellte gearbeitet, heute sind es vier Vollzeitkräfte. Wir haben trotzdem ein ähnliches Anforderungsdenken an uns selbst. Es ist ganz schwer zu akzeptieren, dass wir in dem kleinen Team weniger schaffen.

3VIERTEL: Sie singen in Ihren Texten von den Utopien einer besseren Welt. Wie sieht Ihre bessere Welt aus?

Maria Schüritz: Ich, als alter Star Trek Fan, träume von einer Welt ohne Geld, in der die Aufgaben vernunftbasiert verteilt werden und es nicht um Bereicherung geht.

3VIERTEL: Sie haben als Kind im KAOS diverse Bildungsangebote nutzen können, als Schülerin oder Jugendliche haben Sie hier Praktikum gemacht, zeitweise haben Sie auch ehrenamtlich hier gearbeitet. Heute haben Sie eine Vollzeitstelle. Wie schafft es die Generation Praktikum die unbezahlte Tätigkeit in eine vergütete Vollzeitstelle umzuwandeln?

Maria Schüritz: Ich muss dazu sagen, dass ich eine Bürgerarbeitsstelle habe. Die ist gefördert, ein Nachfolgemodell der ABM-Stellen. Ich arbeite hier also dreißg Stunden für einen äußerst geringen Lohn. Und brauche noch einen Nebenjob, um mir meine 35 Quadratmeter in Schleußig finanzieren zu können. Ich sage mir immer, ich brauche nicht so viel Geld, aber das ist wirklich zu wenig.

3VIERTEL: Das KAOS ist Ihr zweites Zuhause?

Maria Schüritz: Der Ort verändert sich natürlich schon, wenn man hier arbeitet. Das ist anders als wenn man als Kind die Zeit genießt, spielt, oder als Praktikantin, wenn man keine Verantwortung hat. Aber trotzdem ist es für mich immer noch sehr heimisch hier, und das Team ist auch sehr familiär.

3VIERTEL: Wie kommt Ihr Anspruch an Sie selbst zustande? Waren Ihre Eltern so streng?

Maria Schüritz: Nein, mein Vater ist ganz sanft. Ich habe als Kind immer wahnsinnig viel gemacht, war immer gewohnt in Bewegung zu sein. Mehr Probleme haben mir die Zeit der Ferien bereitet, die Zeit der Leere, ohne die Aufgaben. Das ist heute immer noch so, ich arbeite aber daran zu lernen, dass freie Zeit auch etwas Gutes sein kann.
Dazu kommt, dass ich sehr begeisterungsfähig bin und mich die Veranstaltungen, die ich organisiere, in dem Moment, wo sie stattfinden, faszinieren. Gerade auch die Verschiedenartigkeit der Dinge, die ich tue. Ich mag gerne verschiedene Musik machen, also sind es gleich drei Projekte, in denen ich mich musikalisch auslebe. Und noch eine ganze Reihe anderer Dinge, die mich immer wieder begeistern und nicht zur Ruhe kommen lassen.

3VIERTEL: Die Aktivitäten sind aber nie geldorientiert. Sie machen nichts, mit der Erwartung dort endlich das große Los zu ziehen, oder eine Karriere zu machen.

Maria Schüritz: Ich habe mit fünfzehn Che Guevara gelesen, seitdem lehne ich Geld ab.

3VIERTEL: Wir sind doch aber alle in der erzwungenen, auferlegten Situation, uns nur mittels Geldes befreien zu können.

Maria Schüritz: Ich merke natürlich auch dort ein Umdenken. Wenn ich freier werden möchte, heißt das natürlich auch, dass ich in einem gewissen Maße mehr Geld benötige.

3VIERTEL: Wie stehen Sie dann zu dem bedingungslosen Grundeinkommen?

Maria Schüritz: Das ist schwierig, weil damit das System ja weiter bestehen bleibt und nach wie vor von staatlicher Seite alimentiert wird. Das ist wie ein Pflaster. Das profitorientierte Wirtschaften wird sich dadurch ja nicht ändern. Wobei es sicher vielen Menschen helfen würde.
Aber zurück zu Star Trek: die Replikatoren-Idee beispielsweise ist doch fantastisch. Es ist natürlich eine Utopie, aber die Menschen haben immer mit Utopien gelebt, die irgendwann vielleicht umgesetzt werden. Es ist einfach wichtig, die Menschen dafür zu öffnen, dass die Gesellschaft anders sein könnte.

www.maria-schueritz.de
www.kaos-leipzig.de
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