Verdrängungsprozesse

Bild: Cesare Stercken

Christian Sengewald ist freier Schauspieler. Er spielt Theater und hat bei Filmen wie „Der Turm“ und „Die Zeit, die bleibt“ mitgespielt. Er hat lange Zeit in Berlin gelebt und ist im Mai dieses Jahres nach Lindenau gezogen. Wir wollen uns nicht mit dem Promifaktor befassen, sondern mit den menschlichen Beweggründen, die Menschen wie ihn nach Leipzig ziehen lassen.
Von Cesare Stercken

3VIERTEL: Sie sind im Mai diesen Jahres von Berlin nach Leipzig gezogen. Welchen Bezug hatten Sie zu Leipzig, bevor Sie hierher gezogen sind?

Christian Sengewald: Ich habe mal als Kind in Leipzig gelebt. Damals von 1982 bis 1986 in der Riemannstraße an der Peterskirche. Mein Vater war in Leipzig Stadtjugendwart bei der evangelischen Kirche. Das war eines der wenigen nichtstaatlichen Räume, die die DDR so bot. ’86 hat mein Vater dann eine Stelle in Erfurt bekommen. Zudem war Leipzig so dreckig, dass die Familie darüber auch teils froh war. Ich erinnere mich an den Gestank der Pleiße, an die verkrüppelten Fische, die Kloake Karl-Heine-Kanal oder auch an abgerissene Dörfer und verschwindende Landschaften. Man musste, wenn man mit dem Zug nach Leipzig kam, die Fenster schließen, weil es hier so gestunken hat.

Jetzt bin ich aus Berlin hierher geflüchtet, weil ich vor zwei Jahren Vater einer Tochter wurde und wir, meine Freundin und ich, dem Druck der Stadt Berlin nicht weiter standhalten wollten.

3VIERTEL: Welche Gründe gibt es, aus Berlin nach Leipzig zu ziehen?

Christian Sengewald: Ich bin als Schauspieler und Puppenspieler viel unterwegs und meine Freundin hat gesagt, dann will sie wenigstens in einer Stadt leben, in der es schön ist. Aber man kann auch sagen, wir sind verdrängt worden.

3VIERTEL: Wo haben Sie in Berlin gewohnt?

Christian Sengewald: In Friedrichshain.

3VIERTEL: Aber da ist es doch schön.

Christian Sengewald: Ja, ist es auch. Aber ich habe zehn Jahre in Berlin gelebt. Die meiste Zeit davon alleine, das war perfekt. Die Stadt bietet alles, es spielt sich unglaublich viel in Berlin ab.

Wenn man aber Familie, Kinder hat, dann merkt man, wie weit die Wege sind, wie wenig Platz es gibt. Um die wenigen Grünflächen streiten sich sehr viele Menschen und die Mieten sind in Friedrichshain in den letzten drei Jahren um 20 Prozent gestiegen.

3VIERTEL: Wie kann man den Druck der Stadt Berlin beschreiben?

Christian Sengewald: Wenn man eine Wohnung sucht, dann muss man eine dicke Bewerbungsmappe zum Massenbesichtigungstermin mitbringen, Anschreiben, Verdienstnachweise, Schufa-Auskunft und so weiter. Und selbst dann ist man nur einer unter ganz vielen anderen Mitbewerbern, die noch eine viel bessere Position haben. Solvente, kinderlose Paare mit perfektem Lebenslauf. Vermieter sind dann Hamburger Investmentfirmen.

Aber als ich für unsere Wohnung einen Nachmieter gesucht habe, sind die Bewerbungen dazu im Sekundentakt eingegangen. Und das war keine besonders attraktive Wohnung, klein, dunkel, schlechter Komfort, teuer, nicht gut gelegen, also nichts, worum man sich reißen will. Aber den Leuten ist es schon ganz egal, wo sie in Berlin wohnen. Weil der Druck einfach so hoch ist.

3VIERTEL: Welche Ausbildung haben Sie?

Christian Sengewald: Ich habe 1999 in Berlin Puppenspiel studiert, arbeite aber auch als Schauspieler für Theater und Film.

3VIERTEL: Wie empfinden Sie heute die Stadt Leipzig?

Christian Sengewald: Es ist sehr grün hier, es gibt Platz zum Atmen. Ich bin sehr gerne mit meiner Tochter beim „Wilden Heinz“ und genieße diese Baulücken, die den Menschen den Freiraum zum Leben bieten.

3VIERTEL: Was treibt Sie als Schauspieler an?

Christian Sengewald: Mich interessieren die Geschichten, sehe mich aber in einem entspannten Kontext zum Theater oder Film. Ich bin nicht die Speerspitze der Off-Kultur. Befriedigend an meinem Beruf ist der Moment auf der Bühne, an dem ich merke, dass die Geschichte, die ich spiele, verstanden wird. Und wenn ich Puppenspiel für Kinder mache, dann sind die Momente in der Qualität ähnlich. Wenn es plötzlich ganz still wird bei einer Horde Kinder, weil die so ergriffen und berührt werden, dann ist das sehr ähnlich. Das treibt mich so um.

3VIERTEL: Gab es andere Ziele, die Sie in Ihrem Leben verfolgt haben, als das Schau- und Puppenspiel?

Christian Sengewald: Als Kind wollte ich ungefähr alles werden und nachdem ich in einem Jugendtheater mitgemacht hatte, war mir ziemlich schnell klar, dass ich genau das möchte. Ich bin recht direkt diesen Weg gegangen: nach Abitur Zivildienst an einem Puppentheater, anschließend Studium.

3VIERTEL: Gab es auch Umwege, Auszeiten?

Christian Sengewald: Ich bin heute 36 Jahre und da gab es auch schwere Auszeiten, die ich mir genommen habe. Irgendwann stellt man sich natürlich die Frage, was man will, und es gab einen Moment, in dem ich dachte, Nautik studieren zu wollen und Kapitän zu werden.

Ich habe aber immer wieder Theater gemacht und gemerkt, dass ich genau das will.

3VIERTEL: Gibt es für diese Erkenntnis Schlüsselmomente?

Christian Sengewald: Ich weiß noch, in Bremen auf einer Bühne, die nur einen Aus- und Aufgang hat und deshalb in den Requisiten Verstecke eingeplant wurden, um nicht den Eindruck zu hinterlassen, dass wir alle dann aus der einen Türe auf die Bühne treten. Ich stand 20 Minuten hinter einem Schrank und wartete auf meinen Einsatz und hatte dort viel Zeit, über Theater nachzudenken, und ich habe gedacht, „genau das willst du machen“. Also, trotz der absurden blödsinnigen Situation hinter einem Schrank zu stehen, fand ich den Moment des Schauspiels so stimmig.

3VIERTEL: Gibt es in Ihrem Leben eine Veränderung durch den Wechsel des Wohnortes, durch die Stadt Leipzig?

Christian Sengewald: Ja. Dieser Kiez, dieses Umfeld ist sehr fesselnd. In Berlin gibt es so was gar nicht, oder nicht mehr. Dort kann man quasi unsichtbar leben, man kennt vielleicht noch die Leute vom Spätkauf. Berlin ist eigentlich auch oft nur eine Kulisse zum Feiern. Viele fahren hin oder kommen mit dem Flugzeug und sind dann wieder weg. In Leipzig kann man sich zu seiner Straße oder zu seinem Umfeld bekennen, hier sieht man die Menschen, die mit einem in der Nachbarschaft leben und man beginnt sich zu grüßen. In dem Moment interagiert man mit seinem Umfeld, man gibt und bekommt was zurück und man kann es nicht nur benutzen. Und das tut gut, wenn man sich darauf einlässt.
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