Vom Spinnen des Lebensfadens

Kleine Ideengeschichte des Schicksals. Von Moritz Arand

Was ist Schicksal? Diese Frage ist bereits so alt, dass man meinen könnte, ihre Antwort wäre bereits viele Male gegeben worden. Doch fragt man in die Runde, dann stellt man immer wieder fest, dass eine allgemeingültige Antwort nicht gegeben werden kann. Einen gemeinsamen Konsens über diesen Begriff gibt es nicht. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist.

Wie und warum beurteilen wir Ereignisse, deren Ursprung wir nicht sofort herleiten können, als Schicksal – oder als Zufall? Warum wird der plötzliche Unfalltod als tragischer Schicksalsschlag bezeichnet und nicht als eine Verkettung gewisser Umstände begriffen, die sich rekonstruieren lassen? Selbst historische Prozesse, die aufeinander aufbauen, deren Einzelereignisse jedoch einen so hohen Stellenwert einnehmen, dass deren Zusammenhänge ausgeblendet oder gar nicht wahrgenommen werden wollen, sind in den Augen Vieler schicksalhaft.

Wagen wir einen Blick in die Urgeschichte des Wortes 'Schicksal'. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm erfahren wir, dass dieses Wort im Mittelhochdeutschen noch nicht existiert haben soll, sondern eine jüngere Bildung zum Verb 'schicken' ist – wobei die devote Implikation durch die Verbindung zu 'ich schicke/ergebe mich in etwas' schon anklingt. Besonders prägend sind die Konnotationen, die den Begriff des Schicksals mit Unglück und der Macht von Geistern verbindet. Es handele sich um eine Macht, die über den Menschen waltet und derer sie sich nicht entziehen können. Oft wird diese Macht personifiziert, um wenigstens ein Bild für die Willkür des Verhängnisses zu haben. Das Lateinische benutzt für den Schicksalsbegriff das Wort 'fatum', das in erster Linie mit Götterspruch oder Weissagung übersetzt werden kann. Aber auch als Übersetzung für Weltordnung und allgemeines Schicksal in Bezug auf die gesamte Menschheitsgeschichte kann das Wort 'fatum', das stark mit Begriffen wie Sterben, Unheil und Verbrechen assoziiert wird, in Verbindung gebracht werden. Fata iubent – das Schicksal gebietet! Unausweichlich, unabwendbar, beschlossen, über uns verhängt, ein Urteil soll das Schicksal sein?

Die antike Philosophie verwendet den Schicksalsbegriff noch universal. Dort bezeichnet er sowohl eine notwendige, das Naturgeschehen bewegende Kraft als auch die Macht, durch die der Weltlauf oder das individuelle Leben bestimmt wird. Sogar die griechischen Götter galten als dem Schicksal unterworfen. Die beiden Begriffe, die in diesem Zusammenhang wichtig sind, sind die der Ananke (Notwendigkeit) und der Moira (Los, Schicksal).

Wurde der Begriff der Moira anfangs noch als singuläres Prinzip begriffen, wandelte sich dieser und aus ihm erwuchsen die drei Weberinnen, die Moiren, wie man sie von den vielen Darstellungen der Antike bis heute kennt. Die Schicksalsgöttinnen, aus dem Schoß der Ananke entsprungen, mit den Namen Klotho, Lachesis und Atropos spinnen den Lebensfaden, bemessen diesen und schneiden ihn auch wieder ab. Interessanterweise kehren, folgt man dem Moirenmysterium in Platons Politeia, die Toten zu den Weberinnen zurück, um sich für die Wiedergeburt ein neues Schicksal zu wählen. Das interessante daran ist, dass der Mensch sein Schicksal frei wählt, dass er selbst entscheidet. Schade nur, dass er nach getaner Wahl an den Fluss des Vergessens geführt wird und durch den Genuss des Wassers wieder vergisst, dass er frei gewählt hat. Ein Dilemma!

Die neuzeitliche Philosophie glaubte den Zauber der Moirenmysterien durch die Begründung notwendiger Gesetzeszusammenhänge getilgt zu haben. Und doch ist allerorten klar, dass sich im kollektiven Bewusstsein der Volksaberglaube an die Schicksalsgöttinnen erhalten hat. Sogar im Märchen vom Dornröschen ist es die Moira, die für den hundertjährigen Schlaf der jungen Prinzessin verantwortlich ist. Der Mythos wirkt im Verborgenen fort. Die Wiederkehr des Verdrängten zeigt sich deutlich in dem Phänomen der Esoterik und der Astrologie. Das Horoskop, das Tarotkartenspiel, dass mittlerweile auch auf den Smartphones mittels digitalem Medium gespielt werden kann, sind ein wirksames Überbleibsel dieser Jahrtausende alten Tradition.

Wenn es einen Bereich gibt, in dem so etwas wie Schicksal regiert, dann ist es die Individualgeschichte unser aller Kindheit, die als Verhängnis begriffen werden kann, ohne per se negativ zu sein. In der Zeit, in der der Säugling von der Mutterbrust abhängig ist, ist er auf Gedeih und Verderben dem Willen der Mutter ausgesetzt, die Leben, Liebe und Fürsorge spendet, aber auch die Macht hat, Leben zu nehmen.

Die vielen Berichte über tötende Mütter sind der traurige Beweis für diese Tatsache. Hier sind Mütter nichts anderes, als das, was der Mythos anhand der Moiren beschreibt. Aber nicht nur Mütter sind den Kindern ein Verhängnis. Auch Väter spinnen am Schicksalsfaden ihrer Kinder mit. Die Geschichte unserer Kindheit macht uns zu denen, die wir sind. Sie kann uns im besten Falle zu selbstbewussten Machtmenschen machen, aber eben auch zu phobischen Nischenbewohnern. Der elterlichen Gewalt und Liebe sind wir ausgeliefert. Und doch muss Herkunft nicht Zukunft heißen.

Die Fähigkeit, die Bedingungen dieser Genese zu erkennen und reflektierend mit uns zu versöhnen, ohne den erlittenen Schmerz und das gefühlte Unglück tilgen zu wollen, ist jedem Individuum gegeben. Mit dieser Zurückbiegung, mit diesem Gang zu den Müttern und Vätern des Seins werden wir selbst zu „Schicksalsgötter und -göttinnen“, erlangen wir die Freiheit, der zu sein, der wir sein wollen. Dann ist die Macht der Notwendigkeit (Ananke) das, was sie im eigentlichen Wortsinn ist: das, was die Not wendet.

Bezogen auf die Phylogenese scheint das Prinzip auch eingeschränkt zu gelten. Waren die Menschen in prähistorischer Zeit den Naturgewalten ausgeliefert, so zeigt doch gerade das Projekt Aufklärung, wie der Mensch Natur gewaltsam unterworfen hat und das bis heute weiterführt. Die Gewalt, die ihm selbst widerfuhr, wendet er nun gegen den vermeintlichen Aggressor, im Glaube seine narzisstische Kränkung damit zu lindern.

Schauen wir abschließend noch in den kleineren Bereich der Geschichte der Moderne. Der 09. November, der in der Geschichte Deutschlands gern als Schicksalstag bezeichnet wird, ist ein willkommenes Beispiel. Am 09. November 1918 wurde die erste Republik auf deutschem Boden ausgerufen, 1923 versuchte Hitler am selben Tag sich an die Macht zu putschen. Am 09. November 1938 kam es zur Reichspogromnacht und am 09. November 1989 fiel die innerdeutsche Grenze. Zufall sagen die einen, Schicksal die anderen. Manch einer sieht konspirative Mächte am Werk.

Schaut man genauer hin, dann ist keine der drei Antworten richtig. Ein roter Faden zieht sich durch alle Ereignisse hindurch, den keine der Moiren gesponnen hat. Eigenes Fehlverhalten, das Erbe von Militarismus, antidemokratische Strömungen im Bürgertum, der Antisemitismus haben die Weimarer Republik scheitern lassen. Kein Mythos vom Dolchstoß erklärt die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg, deren Folgeerscheinungen auch dazu führten, dass die antirepublikanische Stimmung zunahm. Am 09. November 1938 eskalierte die zuvor minutiös geplante Ausgrenzung der deutschen Juden aus dem gesellschaftlichen Leben öffentlich, angeleitet durch die SA und der SS. Ebenso steht dieses Ereignis stellvertretend für den Anfang dessen, was in Auschwitz enden sollte, und auch dafür, warum Deutschland geteilt wurde. Daran sollten wir am 09. November immer denken. Und natürlich soll an diesem Tag auch an all jene mutigen Menschen gedacht werden, die durch ihren friedlichen Widerstand die Grenzen der zweiten Diktatur auf deutschem Boden zum Einsturz gebracht haben.

Eine Erinnerungsarbeit und -kultur täte Not, bei der Geschichte im Wesen des Menschen ankommt, dort wo sie wirklich berührt und betrifft, und nicht als Pflichterfüllung für lästig erachtet wird und an Festakte gebunden ist. Das magische Denken, das dem Schicksal hörig ist, entlastet zwar das eigene schlechte Gewissen, stilisiert Täter sogar zu Opfern, aber erledigt das Problem nicht, verlegt es nur in eine Ferne, in der es als nicht so drückend empfunden wird. Von da aus herrscht es ungebrochen weiter als dunkler Schatten der Geschichte.
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