Heiße Hunde und erotische Fotografie

Bild: Ildiko Sebestyen Photographie

Ein Portrait der zwei Fotografen vom Hotdog-Laden. Von Cesare Stercken

Sven Schwalm und Christoph Meyer-Eisenarm haben sich viermal kennengelernt. Dreimal haben sie sich in verschiedenen Internetforen für Fotografen kontaktiert, immer unter verschiedenen Pseudonymen. Nach der dritten Kontaktaufnahme haben sie sich auf ein Bier getroffen. Aus dem Treffen wurde eine Verbindung, in der sie sich gegenseitig bestärken und inspirieren. Eine Künstlerehe. Beide haben in Hamburg für Mode und Werbung fotografiert, beide waren unglücklich mit ihrer Arbeit, die sinnentleert aber gut bezahlt war. Aus dem gemeinsamen Verständnis für eine andere Art der Fotografie, die sie teilten, entstand das Projekt nuJolie. Im Gegensatz zu den Auftragsarbeiten der Agenturen wollten sie mit ihrer Fotografie natürliche Schönheit zeigen und dem Modell mit Würde begegnen.

3VIERTEL: Wie seid Ihr eigentlich zur Fotografie gekommen?

Christoph Meyer-Eisenarm: Ich habe eine Ausbildung zum Karosseriebauer angefangen, die ich aufgrund einer Krankheit nicht zu Ende gemacht habe. Vom Gymnasium bin ich zur Realschule und daraus wurde zunächst aufgrund meiner schlechten Leistungen ein Hauptschulabschluss. Später habe ich das Abitur dann nachgeholt. Mit sechzehn fragte mich eine Mitschülerin, ob ich sie fotografieren mag, was mich damals verstört hat. Und mit fünfundzwanzig habe ich mein erstes Geld als Fotograf verdient. Keine geradlinige Karriere, aber ich habe immer selbst bestimmt, was ich wann und wie mache.

Sven Schwalm: Für mich bot sich in einem berufsbegleitenden Studium zum Kommunikationsfachwirt eine gute Gelegenheit, eine abgeschlossene Berufsausbildung zu erreichen. Ich komme aus einem kleinen Kaff aus Mittelhessen und bin mit zwanzig nach Hamburg gegangen, um als Fotograf arbeiten zu können.

3VIERTEL: Welchen Anspruch habt Ihr an Eure Fotografie und wie ist der mit Eurer Arbeit als Fotografen kollidiert?

Christoph Meyer-Eisenarm: Wir wollen den Menschen zeigen, seine natürliche Schönheit, und ihm mit Würde begegnen, statt ihn zur Idealfigur zu entstellen. Die Arbeit, für die wir gut bezahlt wurden, hatte nichts mit einer künstlerischen Tätigkeit zu tun. Wir haben im Prinzip vom Kunden vorgelegte Bilder nachfotografiert.

Sven Schwalm: Das hat eigentlich nichts mehr mit Fotografie zu tun, das ist eher so etwas wie Airbrush.

Christoph Meyer-Eisenarm: Da unsere damaligen Kunden unsere anderen Bilder nicht kaufen wollten, haben wir dafür eine eigene Vermarktungsplattform, die Galerie im Internet, gegründet. Anfangs haben uns alle belächelt, Aktfotografie im Internet, das wäre ja ein alter Hut. Aber als sie dann die Umsetzung gesehen haben, sind sie wieder auf uns zu gekommen.

3VIERTEL: Wie findet Ihr Eure Modelle?

Christoph Meyer-Eisenarm: Am Anfang über die Fotografen und Modellforen im Internet, aber das ist meist ein Klientel, was mich nicht wirklich interessiert. Das steht dann wieder im Widerspruch zu unserem Anspruch. Außerdem bewegt die meisten Modelle dort nur die Gage und das ist nicht das, was ich suche. Ich suche Menschen, die etwas von sich zeigen möchten und genauso wie wir gerne Bilder schaffen wollen, die eine natürliche und sinnliche Ästhetik haben. Natürlich sind unsere Modelle aber beteiligt am Verkauf der Bilder, aber das Geld sollte erst mal nicht der Impuls sein, das machen zu wollen. Erotik hat ja nicht unbedingt was mit Schmuddelkram zu tun. Wir suchen Frauen, die wir uns als Mütter unserer Kinder vorstellen könnten, und Bilder machen, die man in zwanzig Jahren mit Stolz seinen Kindern zeigen kann.

3VIERTEL: Sind die Masturbationsszenen, die auf manchen Bildern zu sehen sind, echt?

Christoph Meyer-Eisenarm: Früher habe ich auch Bilder gemacht, auf denen die Frauen sich die Finger in den Schritt halten und so tun als ob, aber das ist Quatsch. Entweder echt oder gar nicht.

Sven Schwalm: Ich weiß gar nicht inwieweit es um Erotik oder Sex geht. Die spannendsten Bilder sind für mich die, auf denen man wenig oder nichts Konkretes sehen kann. Außerdem entsteht die Erotik immer im Kopf des Betrachters.

Christoph Meyer-Eisenarm: Ich verfolge einen filmischen Ansatz. Ich will das Dazwischen zeigen, ein Standbild zwischen dem Vorher und Nachher.

3VIERTEL: Heute lebt und arbeitet Ihr in Leipzig. Ihr betreibt den Hotdog-Laden „Beard Brothers“ auf der Karl-Heine-Straße, arbeitet an dem Projekt nuJolie und werdet Mitte März im Westwerk in einer Ausstellung Eure Arbeiten der letzten fünf Jahre vorstellen. Welchen Weg habt Ihr aus Hamburg nach Leipzig gefunden?

Sven Schwalm: Wie gesagt, wir waren beide sehr enttäuscht von unseren Aufträgen. Man wird gut bezahlt, macht belanglosen Scheiß und geht auf die richtigen Partys um die richtigen Leute zu treffen. Schickeria: Trinken, Ficken, dumme Arbeiten abliefern.

Christoph Meyer-Eisenarm: Wir hatten damals Kontakt nach Dresden und haben viel im Osten fotografiert. Ich habe mich dann in eines meiner Modelle verliebt und habe dann Geschmack an einem Lotterleben in Leipzig gefunden. Sven war dann auch immer wieder bei mir in Leipzig und zuletzt mehr hier als in Hamburg. Und da wir mit unserer Arbeit, der Aktfotografie und der Vermarktung dieser, über unsere Galerie nuJolie ortsungebunden waren, haben wir uns für die interessantere und auch günstigere Stadt zum Leben entschieden.

Sven Schwalm: Eigentlich sind wir Abenteurer und stürzen uns jetzt ins nächste: Mit der Ausstellung im Westwerk werden wir auch unser Magazin vorstellen, was vielleicht jährlich oder halbjährlich erscheinen soll.

3VIERTEL: Wie seid Ihr zu dem Hotdog-Laden gekommen?

Christoph Meyer-Eisenarm: Das war sicherlich keine unserer Traumvorstellungen, aber es hat sich angeboten und wir wollten es ausprobieren. Irgendwann ist man zu alt für die „hätte, hätte - Fahrradkette“…

3VIERTEL: Anfang Februar ist der Laden von veganen Aktivistinnen aus emanzipatorischen Gründen angegriffen worden. Euer Schloss ist mit Sekundenkleber verschlossen und beschmiert worden. Das greift einen sicher anders an als bei einem normalen Einbruch, der ja auch im Leipziger Westen an der Tagesordnung zu sein scheint?

Christoph Meyer-Eisenarm: Im Dezember ist bei uns eingebrochen worden und die Kasse geklaut worden. Das passiert hier ja in der Umgebung ständig, damit rechnet man, aber dieser Anschlag hat uns sehr getroffen. Wir sind gerade mit diesem Laden oder vorher schon durch den Einfluss der Stadt Leipzig oder unserem Leben, das wir hier führen, sehr politisch geworden. Wir wollen regional arbeiten, wir wollen entspannte und etwas besser bezahlende Arbeitgeber sein als diese Fastfoodketten, die wir selbst ablehnen. Wir lassen zum Beispiel unsere Brötchen von einem lokalen Bäcker herstellen und bezahlen dafür einen viel höheren Preis als in den Läden, die wir ablehnen. Wir versuchen freundliche Arbeitgeber zu sein und unsere Mitarbeiter arbeiten für mindestens sieben Euro die Stunde. Wir sind selbst fast Ehrenamtler in unserem eigenen Geschäft und dann bezichtigt man uns der Ausbeutung, das verletzt uns schon sehr.

Sven Schwalm: Darauf ist man nicht gefasst. Wir sind total bestürzt und irritiert, besonders über die Gründe. Wenn die das bei einer der bekannten Fastfoodketten machen würden, könnte ich das verstehen. Aber wir sind einfach die falsche Adresse für diese Kritik. Sicher, wir verkaufen keine veganen Hotdogs. Aber wenn das als Grund ausreicht den Nachbarn zu attackieren...

3VIERTEL: Was werdet Ihr im Neuen Forum im Westwerk präsentieren?

Sven Schwalm: Sehr großformatige Arbeiten. Im Prinzip ein Querschnitt der letzten fünf Jahre und unser Magazin, Déjà-vu, welches wir dort zum ersten Mal vorstellen wollen. Das Magazin wird ungefähr 150 Seiten stark, auf dickem Papier gedruckt, und ist eigentlich ein Bilderbuch, aber da es jährlich oder halbjährlich erscheinen soll, ist es auch wieder ein Magazin. Kostenpunkt unter 20 Euro, und zukünftig über unsere Website erhältlich.

www.nujolie.com
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