Ein Zerrbild unseres Selbst

Bild: 3VIERTEL

Der Hipster als Stereotyp des Konsums. Von Oscar Adlerhut

Seitdem das Zeitmagazin im September 2012 die Leipziger Weststadt als Hipsterhochburg in ihre Deutschlandhipsterkarte aufgenommen hat, ist das Dreiviertelland offiziell hip, in, cool oder was einem sonst noch für anglizistische Adjektive einfallen mögen.

Und doch ist hinlänglich bekannt, dass, wenn eine renommierte Zeitung etwas als hip bezeichnet, selbiges Phänomen mit dem Akt der Benennung bereits nicht mehr hip und zum Mainstream übergegangen ist. Was zuvor Underground, avantgardistisches Neuland war, ist plötzlich abgetan, nicht mehr interessant, weil beliebig und nicht mehr exklusiv.

Keine Figur scheint in der Öffentlichkeit besser für dieses Phänomen zu stehen als der Hipster, von dem alle so selbstverständlich reden und doch niemand so wirklich weiß, was es mit ihm eigentlich auf sich hat.
Wie sah er noch mal aus? Röhrenjeans, Hornbrille, Oberlippenbart, Trucker-Kappe, Jutebeutel, Undercut und ein Fixie-Rad – das sind die stereotypischen Insignien des Hipsterismus.

Historisch betrachtet betrat der Hipster die Weltbühne in den vierziger und fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und war eine Erfindung der afroamerikanischen Jazzszene. Erst mit der Vereinnahmung durch die weiße Mittelschicht konnte der Hipster zu dem werden, was er heute ist. In den 50ern wollten sich die Weißen vom kleinbürgerlichen, republikanischen Milieu lösen. Die Befreiung von der weißen Spießbürgerlichkeit durch die Aneignung des schwarzen Hipsters stand dabei im Vordergrund. Schon damals stand ein überlegenes Wissen, das nur der Eingeweihte haben konnte, als Kennzeichen im Mittelpunkt – ein quasi a priori Wissen, mit dem sich der Hipster eine fiktive Machtposition aufbauen konnte, um die weißer Dominanz herauszufordern. Mit der Vereinnahmung der afroamerikanischen Wurzel des Hipstertums durch die Weißen deutet sich schon an, was auch in unserer Gegenwart häufig das Vorurteil gegenüber dem Hipster ausmacht: Er ist nur ein Nachahmer, ein Zitat, und seine Authentizität ist ein geklautes Image.

Mit dem Auftauchen der Friedensbewegung der 60er Jahre verschwand der Hipster, auch die 80er und 90er Jahre kannten ihn nicht mehr. Erst gegen Ende des Jahrtausends tauchte er in New York wieder auf und eroberte die Viertel Williamsburg und die Lower East Side. Er tauchte in Phasen des vermeintlich gesellschaftlichen Wohlstandes wieder auf und verwies durch die endlosen Diskurse über Ästhetik und Geschmack mehr auf die neoliberale Ideologie und den Deregulierungswahn, als dass er eine Auseinandersetzung mit Politik dargestellt hätte. In diesem Sinne ist er ein Niedergangsprodukt, dass in einer müden Zeit nur müde vor sich hin lebte, im Glauben er wäre an etwas wirklich Wichtigem beteiligt. Er ist die Kopie einer Kopie.
Nach Mark Greif (Mitbegründer des New Yorker Magazins n + I) gibt es verschiedene Definitionen, die den Hipster beschreiben.

Steht auf der einen Seite die Sehnsucht nach den suburbanen Formen der Weißheit in der Großstadt, findet sich auf der anderen Seite mittels der Stilzitate der Versuch, die Kindheit durch das Wiederholen der abgelebten Stile, mit denen man groß geworden ist, zu reproduzieren.
Ein weiterer, sicherlich wesenhafter Charakterzug des Hipsters ist der des hippen Konsumenten oder des „rebellischen Verbrauchers“. Der Hipster selbst schafft keine Kunst, er konsumiert, dockt parasitär an bereits Vorhandenes an. Und gerade diese Konsumentscheidungen werden als Kunstform verstanden. Damit bewegt sich der Hipster innerhalb der Grenzen des Massenkommerz und hat trotzdem den Anspruch auf Abgrenzung und Exklusivität. Dass er damit die Logik des Kapitals nur verewigt und nicht kritisch hinterfragt, ist sicher der größte Kritikpunkt an einer Subkultur, die nach dieser Definition eigentlich gar keine ist, weil sie de status quo willentlich erhält. Das Tragen von extravaganten Stilen rüttelt nicht an bestehenden Machtstrukturen.

Durch seine Anschlussfähigkeit an die Modi des Massenkonsums ist der Hipster zur Mode geworden, die von New York bis Bangkok, von Lima bis Stockholm seine Verbreitung gefunden hat.

Dass der Hipster als Grund der Gentrifizierung gelten soll, ist eine höchst umstrittene Frage. Dort, wo der Hipster auftaucht, ist der Künstler schon da. Wer nun den Stein der Stadtteilentwicklung ins Rollen bringt, ist nicht trennscharf geschieden. Hat zu dem Zeitpunkt, an dem Hipster in einem Stadtteil auftauchen, die sogenannte Gentrifizierung nicht bereits Fahrt aufgenommen? Den Hipster als Grund für die Gentrifizierung anzunehmen, ist der verzweifelte Versuch, sich der eigenen Schuld zu entledigen, die nach außen projiziert und auf eine Gruppe von Menschen übertragen wird, schreibt die amerikanische Schriftstellerin Diana Tortorici in einem Essay. „Der Strohmann in engen Jeans“ wird beschuldigt, obwohl wir selbst für die Gestaltung urbaner Räume und auch für deren Zerstörung verantwortlich sind.

Und doch gibt es hipsterisierte Stadtteile. Aber nicht in Leipzig. Williamsburg und neuerdings Bushwick stehen für das Hipster-dominierte Areal gentrifizierter New Yorker Stadtteile. Aus diesen wurden die angestammten Ethnien sukzessive verdrängt, obwohl der Hipster eine nostalgische Neigung zu diesen „Ureinwohnern“ hat. Nicht umsonst heißen viele Lokale so wie die Läden der Vorbesitzer. Der Hipster wird in seinem Viertel selbst zur Pseudoethnie, die ihren Suizid schon einprogrammiert hat.

Und wie sieht es nun nach alledem mit der Leipziger Weststadt aus. Sicherlich hat sich hier in den vergangenen Jahren viel getan. Eine vielschichtige und breitgestreute Kunstszene ist hier ansässig. Ein paar Lokale und Clubs, in die der Alteingesessene oder der Besucher gehen kann, gibt es auch. Und sicher gibt es auch die, die durch diese Aufwertung der Weststadt verdrängt werden – man beachte dabei die von Osten (Schleußig) aufkommende Mietpreisveränderung. Hier und dort wird Wohnungsleerstand behoben. Die Freiräume schwinden. Doch den Hipster sieht man nicht. Es gibt keine Geschäfte, in denen zu völlig überteuerten Preisen Abfallprodukte einer abgelebten Epoche verkauft werden. Plagwitz ist nicht Bushwick, Lindenau nicht Williamsburg, Schleußig nicht die Lower East Side und die Karl-Heine Straße ist nicht der Hackesche Markt.

Der Hipsterismus ist ein Phänomen, das seinen Ursprung in den Tiefen der amerikanischen Geschichte hat und als kommerzielles Exportprodukt ohne Inhalt in entstellter Form nach Europa übergeschwappt ist. Und gerade hier wird er belächelt, fungiert geradezu als Hassobjekt. Und woher dieser Hass?

Ist dieser Hass nicht eventuell ein nach außen gewendeter Selbsthass auf die generelle Unfähigkeit, Neues zu schaffen und immer wieder schon abgelebte Diskurse zu feiern? Und zeigt uns der Hipster in seiner Konsumorientiertheit nicht das skurrile Zerrbild dessen, was gegenwärtig ist? Kopie und Zitat, Nihilismus und Ironie, Nostalgie und Romantizismus – damit sind die grundlegenden Begriffe grob umrissen. Und vielleicht zeigt der tragikomische Narr nur in verschärfter Form das, was wir alle tun – nämlich uns in der Unfreiheit einzurichten, das Schlechte weniger schlecht zu machen, obschon die Gründe des Schlechten fortbestehen.

Und zeigt uns der Hipster mit seinem übermäßigen Exklusivitätsgehabe und seinem Distinktionswahn, wie sehr Beliebigkeit und schwindende Aufmerksamkeit im Zuge des Überflusses Einzug gehalten haben? Der digitale User und der Hipster sind Zwillinge. An allem teilhaben wollen in der permanenten Angst, etwas verpassen zu können. „Erstmals seit langem ist die Zukunft kein Versprechen mehr, sondern für die Geistesgegenwart und Aufmerksamkeitsökonomie eine Zumutung“, schreibt Jens-Christian Raabe in seinem Aufsatz „Gegenwärtigkeit und Phantasma: Über den Hass auf den Hipster“.

Der brennende Bescheidwisser ist aber kein Sonderling mehr, sondern eine zeitgemäße Existenzform. „Wie kein Anderer verkörpert er die Grundbedingungen des Daseins im Angesicht der digitalen Revolution“, führt Raabe weiter aus. Die Fratze, die uns der Hipster jenseits seines Kleidungsstils entgegenhält, sind wir selber. Das wir uns in ihm unbewusst wiedererkennen, sollte uns mehr zur Selbstreflexion treiben, als dazu, ein Familienmitglied zu hassen.
...
TERMINE Weltnest

OFFICE

3VIERTEL
Merseburger Straße 33
04177 Leipzig

KONTAKT

Tel.: 0341 . 33 11 774
E-Mail: info@3viertel.info

FOLGE UNS

fb twitter
Startseite . Kontakt . Impressum . Nutzungsbedingungen & Datenschutz